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„Oblivion“ im Kino

Oblivion

Jack Harper hat Albträume. Jede Nacht durchbohren Erinnerungssplitter vom Empire State Building und das Gesicht einer lächelnden Frau seinen Schlaf. Wenn er dann erwacht, findet er sich in der Gedächtnislosigkeit weißer, strahlender Oberflächen wieder, die das Designer-Ambiente seines Wolkenhauses bilden. Dieses schwebt einige Tausend Meter über der Erde; darunter liegt eine von Aliens zertrümmerte Welt. Urbane Reste wie der Turm des New Yorker Wahrzeichens, Brückenpfeiler oder verrostete Flugobjekte ragen aus schwarzen Sandwüsten und grandiosen Gebirgsrissen. Der Planet Erde als postapokalyptischer Friedhof menschlicher Existenz, von (beinahe) allen Lebewesen verlassen und – so der höhere Plan – bald auch vergessen.
OblivionMit „Tron: Legacy“ hat Regisseur Joseph Kosinski in Hollywood seine Visitenkarte als Spezialist für virtuelle Welten abgegeben. Mit „Oblivion“ strebt er nun offensichtlich nach Science-Fiction, die mit mehr Realität aufgeladen sein soll. Der Drohnen-Techniker Jack Harper (Tom Cruise) unternimmt mit seinem Bubbleship letzte Besuche auf die Erde, ehe er sich mit Partnerin Vica (Andrea Riseborough) ins All zurückziehen will. Dabei drängt der Film trotz aller Technologieverliebtheit darauf, alles, was Erde oder, genauer gesagt, Natur ist, zu fetischisieren. So hat Harper bei seinen Streifzügen ein kleines Waldhaus am See gefunden, das mit alten Vinylplatten, Büchern und Baseballkappen angefüllt ist. Dieses ländliche Idyll wird zum Fluchtpunkt nostalgischer Heimatfantasien.
Dabei erzielt Kosinski seine unheimlichsten Momente, wenn er die modernistische Utopie von Klarheit und Geradlinigkeit in seinem retro-futuristischen Set-Design zum erinnerungsbefreiten Tagtraum zuspitzt. In aufgeräumten Bildern lässt er fantastische Wolkenstimmungen an den Panoramafenstern vorbeiziehen, an denen das hübsche Paar lehnt. Würde noch ein fetter SUV vor der Haustür stehen, moderner Lifestyle hätte seine Perfektion gefunden. Genussvoll auch jagt Kosinski seinen Star in sämtlichen Cruise-Posen – vom Motorradfahren bis zur Flugshow – durch die entleerte Landschaft. Auch das ließe sich unter Umständen noch hinnehmen. Doch wenn Harper dann dem Ruf seiner messianischen Mis­sion zur Rettung der Erde folgt, werden die stereotypen Erzählformeln zunehmend unerträglich. Mit großem Getöse nimmt Harper mit einer Gruppe Aufständischer – darunter der formidable Morgan Freeman – den Kampf gegen die Drohnen und eine totalitäre Verschwörung auf. Anstrengende Actionsequenzen im musikalischen Symphoniegewitter folgen. Und mit dem Auftauchen der Frau aus Harpers Träumen (Olga Kurylenko) verabschiedet sich die Geschlechterpolitik in die fünfziger Jahre. Denn was wünscht sich der Mann auch in ferner Zukunft, wenn er nach Hause kommt? Frau, Kind und Biotomate.

Text: Alexandra Seibel

Fotos: Universal Pictures

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Oblivion“ im Kino in Berlin

Oblivion, USA 2013; Regie: Joseph Kosinski; Darsteller: Tom Cruise (Jack Harper), Morgan Freeman (Malcolm Beech), Olga Kurylenko (Julia Rusakova); 124 Minuten; FSK k. A.

Kinostart: 11. April

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Regisseur Joseph Kosinski

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