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Offener Brief an die Deutsche Filmakademie

deutscher_filmpreisDen Mitgliedern der Deutschen Filmakademie ist ein offener Brief zugestellt worden, ein Aufruf zur Diskussion – unterzeichnet von zahlreichen deutschen FilmkritikerInnen. Namhafte Journalisten von FAZ, Berliner Zeitung, Zeit und taz unterstützen den Appell, ebenso Kritiker der öffentlich-rechtlichen Radiosender. Auch die Redaktion des tip, vertreten durch Robert Weixlbaumer, ist dabei.

Sehr geehrte Mitglieder der Deutschen Filmakademie!

Kommende Woche trifft sich die deutsche Filmbranche wieder bei den Hofer Filmtagen. Wir, eine Gruppe von deutschen Filmkritikerinnen und Filmkritikern, finden, dieses „Klassentreffen des deutschen Films“ könnte Anlass sein, einmal grundsätzlich über den deutschen Filmpreis zu diskutieren, den Sie seit 2005 vergeben. 

Bekanntlich handelt es sich um den höchstdotierten deutschen Kulturpreis. Anders als bei den Oscars, Cйsars oder Goyas feiert sich hier nicht nur eine Filmbranche selbst, sondern vergibt darüber hinaus eine Preissumme von fast drei Millionen Euro, die aus dem Etat des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien zur Verfügung gestellt wird. Hieraus erwächst für die Akademie eine große Verantwortung, weil die Preisgelder für künftige Filmprojekte vorgesehen sind. Ist diese Vermischung von Förderungspolitik und der Auszeichnung künstlerischer Leistungen unverrückbar festgeschrieben? Liegt nicht hier schon die Wurzel aller Unzufriedenheit?

Nicht erst seit der Filmpreisgala 2012 fragen wir uns, ob die Auswahl- und Abstimmungsregeln, die sich die Akademie selbst gegeben hat, wirklich dazu geeignet sind, der Vielfalt des deutschen Films auch im Sinne einer finanziellen Förderung zu entsprechen. Kann die Mehrheitsabstimmung der 1300 Mitglieder das garantieren? Müssen nicht auch preiswürdige, aber nicht unbedingt mehrheitsfähige Ausnahmefilme eine Chance bekommen, solange der Preis als kulturelle Subvention definiert ist?

Die Entscheidungen der letzten Jahre zeigen eine unübersehbare Tendenz zum kleinsten gemeinsamen Nenner, zu einem Konsenskino, das künstlerische Extreme ebenso wie große Kassenerfolge von vornherein ausschließt. Kann man „John Rabe“ (Goldene Lola 2009) und „Vincent will Meer“ (Goldene Lola 2011) tatsächlich als die herausragenden Filme ihres Jahrgangs prämieren?

Dagegen ist es kaum vorstellbar, dass ein Film wie Werner Schroeters „Malina“ (Filmband in Gold 1991) oder Romuald Karmakars „Der Totmacher“ (Filmband in Gold 1996) noch einmal einen Preis gewinnen könnte. Ein international ausgezeichneter Film wie Ulrich Köhlers „Schlafkrankheit“ (Silberner Bär der Berlinale 2011 für die beste Regie) schaffte es nicht einmal unter die sechs nominierten Filme.

Leider hat sich bei uns der Eindruck festgesetzt, dass die Akademie an einer Auseinandersetzung mit solchen und anderen Befunden nur wenig Interesse hat. Kritik wird ignoriert oder in internen Zirkularen der Akademie verhöhnt, obgleich der Zweck einer Akademie ja genau darin besteht: Impulsgeber und Akteur im öffentlichen Gespräch über Film und Kino zu sein.

Wir zweifeln nicht am Enthusiasmus der Mitglieder und an ihrer Leidenschaft fürs Kino. Wir möchten daher an die Akademie appellieren, ihre grundsätzliche Aufstellung, zumindest aber ihr Auswahl- und Abstimmungsverfahren noch einmal gründlich zu überprüfen.

Dietmar Dath (FAZ)
Knut Elstermann (radioeins)
Fritz Göttler (Süddeutsche Zeitung)
Moritz Holfelder (BR)
Sabine Horst (epd Film)
Andreas Kilb (FAZ)
Tobias Kniebe (Süddeutsche Zeitung)
Peter Körte (FAS)
Anke Leweke (Deutschlandradio)
Verena Lueken (FAZ)
Katja Nicodemus (DIE ZEIT)
Cristina Nord (taz)
Christiane Peitz (Der Tagesspiegel)
Bert Rebhandl (Cargo)
Hanns-Georg Rodek (Die Welt)
Josef Schnelle (Deutschlandfunk)
Ulrich Sonnenschein (HR)
Herbert Speich (SWR)
Anke Westphal (Berliner Zeitung)
Robert Weixlbaumer (tip Berlin)
Thomas Groh
Birgit Glombitza
Kirsten Rießelmann
Sven von Reden
Dietmar Kammerer
Sano Cestnik (Eskalierende Träume)
Jochen Werner (freier Filmkritiker)
Elisabeth Nagy (freie Filmkritikerin)
Joachim Kurz (Kino-Zeit)
Chirstoph Wirsching (Eskalierende Träume)
Sebastian Selig (Hard Sensations)
Elisabeth Maurer (Negativ)
Ciprian David (Negativ)
Valerie Bäuerlein (tip)
Rainer Gansera (SZ, tip Berlin)
Stella Donata Haag (tip Berlin)
Lars Penning (tip Berlin)
Ulrike Rechel (tip Berlin)
Daniel Kothenschulte (Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung)
Helmut Merker
Christoph Terhechte (Forum, Berlinale)
Anna Hoffmann (Forum, Programm Managerin)
Achim Forst (Redakteur 3sat)
Kirsten Martins (BR)
Roderich Fabian (BR)
Rüdiger Suchsland
Alejandra M. Falcone (frf)

Foto: Deutscher Filmpreis

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