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„Oh Boy“ im Kino in Berlin

Oh Boy

Nicht wenige Orte in Berlins Mitte wirken sonderbar verbraucht und abgefeiert, so oft wurden sie fotografiert oder zur Kulisse von Videoclips: Ecken wie die Torstraße, der Rosenthaler Platz oder das Schlesische Tor, für Reiseführer der Inbegriff des wilden Berlin. In Jan Ole Gersters Kinodebüt „Oh Boy“ spielen sie eine wichtige Rolle; doch sie wirken erstaunenswert anders, als man sie glaubt zu kennen.
Berlin rückt in „Oh Boy“ zur Mitspielerin auf, gleichberechtigt neben Tom Schillings Protagonisten. Dieser hat sich auf der verträumten Nebenspur im Leben fest eingerichtet oder kommt von ihr nicht recht los. Er lebt mit viel Kaffee und Zigaretten in den Tag hinein und denkt nach – ein wahres Schreckgespenst für die Generation erfolgreicher Väter, die monatlich Geld überweist. Den Takt gibt die Stadt vor, ihre Spätkäufe, Kneipen, skurrilen Bewohner. Einen kurzen Ausschnitt aus Nikos Dasein schildert der Film: 24 Stunden an einem typischen Tag, nur dass Murphys Gesetz schärfer greift als sonst: Morgens geht die Beziehung in die Brüche, später der Führerschein flöten, nachmittags streicht der Vater die Zahlungen. Und das ist erst der Beginn.
Gerster hält seinen episodischen Film offen, was dem driftenden Charakter der Figur entspricht. Berlin stößt Niko förmlich zu, konzentriert in eindrücklichen, meist absurd-komischen Begegnungen, die manchmal an Szenen aus Richard Linklaters Filmen erinnern, an Scorseses Nachtgestalten oder Woody Allen. Seine Referenzen aber drängt der Film nie auf, mit leiser Ironie findet er sein flimmerndes Grundgefühl schon von der ersten Einstellung an: ein langer Blick auf den schlafenden Protagonisten, durch den Türrahmen eines Altbauzimmers.
An genauen Beobachtungen ist „Oh Boy“ reich. Selbst in scheinbar totgefilmten Motiven der Stadt findet er ein Geheimnis. Fein nuanciert ist auch Tom Schillings intuitiv wirkendes Spiel: wenn er sich gestresst anspannt, als der Geldautomat die EC-Karte einzieht, wenn er verblüfft zuhört, als der aufgelöste Star am Set einer Nazi-Filmschmonzette die krude Handlung wiedergibt, oder wenn er sich reglos unter der Dusche berieseln lässt. Er ist der Star in einem kleinen, großen Berlin-Film.

Text: Ulrike Rechel

Foto: X-Verleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Oh Boy“ im Kino in Berlin

Oh Boy, Deutschland 2012; Regie: Jan Ole Gerster; Darsteller: Tom Schilling (Niko Fischer), Marc Hosemann (Matze), Friederike Kempter (Julika Hoffmann); 85 Minuten; FSK 12

Kinostart: 1. November

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