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Old Joy

Kinoplakat_Old_JoyDem ersten Anschein nach könnten die beiden Männer gegensätzlicher nicht sein. Mark (Daniel London) wird demnächst Vater und ist die meiste Zeit schweigend in sich gekehrt, während Kurt, gespielt von Folk-Singer und Songwriter Will Oldham (aka Bonnie „Prince“ Billy), selbst fernab der Stadt kaum zur Ruhe zu kommen scheint.
Dem von seiner Ehe frustrierten Mark schwärmt Kurt begeis­tert vor, welche Freiheiten er sich als Junggeselle noch herausnehmen kann: Drogen, Weiber, Feiern bis in die Nacht. Hinter dieser Fassade ewiger Adoleszenz wird seine Verzweiflung jedoch nur umso deutlicher spürbar. Aber trotzdem verbindet die beiden Männer, die so unterschiedliche Wege eingeschlagen haben, immer noch etwas, das jenseits aller Worte liegt. Und wenn es nur die Trauer über eine verlorene Freundschaft ist.
Old Joy, der zweite Film von US-Regisseurin Kelly Reichardt, ist American Independent Cinema vom Feinsten, in der Tradition eines Jim Jarmusch oder einer Allison Anders. Die äußeren Ereignis­se sind minimal: zwei Protagonis­ten, die nicht viel mehr tun, als sich zu unterhalten, meist zudem noch über Dinge, die ihnen früher einmal wichtig waren und die es heute nicht mehr gibt. Wie beispielsweise der Plattenladen, der einst einem Freund von ihnen gehörte. Dort konnte man damals immer etwas finden, heute geht es eher darum, den Ballast der frühen Tage wieder loszuwerden. Aber das Geschäft ist weg, verkauft, einem Parkplatz gewichen. Das Ende einer Ära, lautet der lakonische Kommentar Kurts.
Aber den Film auf seinen Plot zu reduzieren – zwei fahren in einen Wald, verfahren sich eine Zeit lang, finden eine heiße Quelle, legen sich hinein, fahren zurück in die Stadt –, wäre ähnlich sinnvoll wie der Versuch, jemandem einen Blues zu erklären, indem man ihm ein Notenblatt in die Hand drü­ckt. Wie eine gute Musikerin weiß auch Reichardt, dass ihre Kunst vor allem im richtigen Timing besteht, in diesem Fall: in der leicht verzögerten Synkope. Der Film lebt von Andeutungen und Auslassungen, das Verhältnis der beiden Figuren wird durch Gesten skizziert, ohne je greifbar zu werden. „Kummer ist nichts als eine Freude, die sich erschöpft hat“, heißt es an einer Stelle. „Old Joy“ verströmt die Melancholie eines Roadmovies ohne Freiheitsversprechen.
Dabei gelingt es dem Film, der höchst privaten Geschichte der beiden Freunde vor dem Hintergrund der politischen Gegenwart zusätzliche Kontur zu verleihen. Während im Autoradio die deso­late Lage der Nation unter Präsident Bush in Talkshows mit den immer gleichen Floskeln verhandelt wird, nehmen die beiden Protagonisten von der vorbeiziehenden, gesichtslosen Vorstadtkulisse kaum mehr Notiz als von etwas, das ohnehin dem Verfall geweiht ist.
Dadurch hält sich die sanfte Schwermut des Plots in der Waage. Kurt und Mark können für die Malaise einer ganzen männlichen Generation der Enddreißiger einstehen oder einfach für sich selbst: zwei Freunde, denen ir­gendwann aufgegangen ist, dass das Leben ihnen den Rücken zugekehrt hat. Das Traurigste an „Old Joy“ jedoch bleibt, dass ein derart großartiger Film, der bereits 2005 entstanden ist, erst jetzt in die hiesigen Kinos kommt. Unbedingt empfehlenswert, immer wieder ansehen. 1


Text:
Dietmar Kammerer

Tip-Bewertung: Herausragend



Old Joy

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