Kino & Stream

„Oldboy“ von Spike Lee im Kino

Oldboy

„Oldboy“ des koreanischen Regisseurs Park Chan-wook hat vor zehn Jahren eine beachtliche Strahlkraft entwickelt. Ein Mann wird da ohne erkennbaren Grund entführt und jahrelang in Isolation festgehalten. Nach seiner Freilassung geht er auf Rachefeldzug und Sinnsuche. Parks kunstvolle wie brutale Erzählung reizte Arthouse-Zuschauer wie Genre-Liebhaber, auch in Hollywood hat der Film offenbar viele Fans. Aber nicht Will Smith oder Quentin Tarantino haben eine US-Version der Geschichte gewagt, sondern Spike Lee.
Und Lee, zuletzt mit Filmen zur afro-amerikanischen Geschichte und Lebensrealität („Buffalo Soldiers ’44“, „Red Hook Summer“) glücklos, gelingt eine eigene, interessante Neuinterpretation. In Lees „Oldboy“ ist es der versoffene Werbe-Mann Joe Doucett (Josh Brolin), der sich 1993 plötzlich in einer als Hotelzimmer getarnten Zelle wiederfindet. Erklärungen gibt es keine, regelmäßig schiebt man ihm Dim-Sum-Knödel und Wodkaflaschen durch eine Luke unter der Tür, sein einziger Kontakt zur Außenwelt ist das Fernsehen. Da erfährt er, dass seine Ehefrau vergewaltigt und ermordet wurde und er als Täter gesucht wird, aber auch, wie seine einst dreijährige Tochter zu einer jungen Frau heranwächst. Irgendwann will Doucett frei sein und sich ihr erklären, er hört mit der Trinkerei auf und trainiert. Nach 20 Jahren wird er plötzlich freigelassen, und der Drahtzieher seines Martyriums bietet ihm eine Erklärung und viel Geld, wenn Doucett herausfindet, warum man ihn festgehalten hat.
Spike Lee spart nicht an inhaltlichen oder visuellen Grobheiten, folgt dem koreanischen Vorgänger aber nicht in jedem Detail – Hypnose und Oktopus-Essen fehlen hier. Dass dies über weite Strecken als düsterer, verstörender Trip sehr gut funktioniert, liegt an Lees Inszenierung und an Brolins hervorragender Darstellung. Ins Schlingern kommt dieser „Oldboy“ jedoch mit zwei anderen Figuren – sowohl Samuel L. Jacksons Gefängniswärter wie auch Sharlto Copleys extrovertierter Mann im Hintergrund wirken wie Karikaturen. Da schwankt der Tonfall, das raubt dem Film viel von seiner ansonsten beachtlichen Wucht.

Text: Thomas Klein

Foto: 2012 OB Productions, Inc.

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Oldboy“ im Kino in Berlin

Oldboy, ?USA 2013; Regie: Spike Lee; Darsteller: Josh Brolin (Joe Doucett), ?Elizabeth Olsen (Marie), Sharlto Copley (The Stranger); 104 Minuten; ?FSK k. A.

Kinostart: 5. Dezember

Mehr über Cookies erfahren