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„Once Upon a Time in Anatolia“ im Kino

One Upon a Time in Anatolia

Es ist eine dünn besiedelte Gegend im Landesinneren der Türkei, in der sich eines Abends einige Leute aufmachen, einen Toten zu suchen. Sanfte Hügel reihen sich aneinander, die Vegetation ist karg, bald bricht die Dunkelheit herein, die Ungeduld steigt. Der Mann, der irgendwo hier verscharrt wurde, ist einem Mord zum Opfer gefallen. Die Mörder sind schon gefunden, nun sollen sie bei einem Lokal­termin zur Leiche führen, doch der eine der beiden ist kaum zu einem sinnvollen Satz in der Lage, während der andere, ein charismatischer, in sich gekehrter Mann, nicht klar erkennen lässt, ob er die Behörden hinhält – oder die Stelle tatsächlich nicht mehr findet.
One Upon a Time in AnatoliaUnd so bewegt sich dieser Tross durch die Nacht: Polizisten, ein Arzt, ein Richter, ein Fahrer, Hilfskräfte. Viel mehr als diese Suche wird nicht erzählt in Nuri Bilge Ceylans „Once Upon a Time in Anatolia“, und doch ist dieser stolze Titel, der auf (kritische) Nationalepik verweist, hier ganz und gar angebracht. Denn der wichtigste Autorenfilmer der Türkei, der sich nach dem nicht ganz so überzeugenden „Drei Affen“ eindrucksvoll zurückmeldet, schafft es, anhand dieses anscheinend marginalen Kriminalfalls tatsächlich ein höchst differenziertes Gesellschaftsbild seines Landes zu zeichnen – eines Landes, das eigentlich einmal zur Europäischen Union wollte, das aber mit seinem anatolischen Hinterland noch tief in vormodernen Verhältnissen verhaftet ist. So geht jedenfalls das Klischee, das hier durch zahllose aufschlussreiche Details zugleich korrigiert und bestätigt wird.
In der klassischen Form eines analytischen Dramas beschränkt Ceylan sich auf eine gelassene Beobachtung der mal deprimierenden, dann aber auch wieder erheiternden Interaktionen der beteiligten Männer, die unterschiedlichsten Schichten angehören, verschiedene Niveaus von Institutionalisierung und Urbanisierung vertreten, und zudem auch noch ihre individuellen Befangenheiten erkennen lassen.
Zugleich werden in den langen Einstellungen, in die wir aber durch die Tonebene ganz unmittelbar involviert sind, immer mehr Einzelheiten über den Mordfall deutlich, sodass am Ende tatsächlich ein tragisches Muster im klassischen Sinn erkennbar wird.
Die Melancholie, die über dem ganzen Film liegt, zählt gewissermaßen zu den Markenzeichen des Kinos von Nuri Bilge Ceylan. Und auch die auf den ersten Blick zurückhaltende, eigentlich aber schonungslose Enthüllung der kleinen und großen Schwächen der Leute kennt man schon aus Filmen wie „Uzak“ oder „Iklimler – Jahreszeiten“, in dem der Regisseur selbst mit seiner Ehefrau in der zweiten Hauptrolle das Scheitern einer Beziehung erzählte.
In „Once Upon a Time in Anatolia“ aber finden die vielen Qualitäten dieses Regisseurs, der ursprünglich Fotograf war, auf höchst überzeugende Weise zusammen: beiläufige Charakterisierung von Figuren, hintersinnige Komik, eindrucksvolle (aber zweckdienliche)  Bildgestaltung, vor allem aber eine höchst anspruchsvolle erzählerische Komplexität, die durch Leerstellen das Publikum involviert. Ein Meisterwerk.

Text: Bert Rebhandl

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Once Upon a Time in Anatolia“ im Kino in Berlin

Once Upon a Time in Anatolia (Bir zamanlar anadolu’da), Türkei Bosnien/Herzegowina 2011; Regie: Nuri Bilge Ceylan; Darsteller: Muhammet Uzuner (Doktor Cemal), Yilmaz Erdogan (Kommissar Naci), Taner Birsel (Staatsanwalt Nusret); 157 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 19. Januar

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