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One-Woman-Show: Happy-Go-Lucky

Happy-Go-Lucky

Die junge Frau, die Mike Leighs neuen Film trägt, steht mit der Welt in bestem Einvernehmen. Als Tagträumerin streift sie, allein oder mit ihrer Mädchenclique, durch London; sie tritt jederzeit kontaktfreudig auch Unbekannten nahe, weil sie an das Gute im Menschen vorbehaltlos glaubt. Die Lebenslust steht ihr gut: Sogar bei der Schmerztherapie in der Orthopädenpraxis kann sich Poppy, die eigentlich Pauline heißt, vor Lachen kaum halten. Sally Hawkins ist in Happy-Go-Lucky das unumschränkte Zentrum, und erst die Virtuosität dieser Schauspielerin, die man einfach gesehen haben muss, erhebt die potenziell eindimensionale Figur dieser Frohnatur in den Rang einer Denkwürdigkeit.

Happy-Go-Lucky
Im Alltag stößt der Generaloptimismus der Grundschulpädagogin allerdings bisweilen an seine Grenzen: Sie gerät an einen verklemmten, an Weltekel, Paranoia und Humorlosigkeit laborierenden Fahrlehrer (Eddie Marsan), der ihr in seiner Eifersucht schließlich sogar gefährlich zu werden droht. Zunächst jedoch schlägt Leigh erheblichen Profit aus den komischen Wortgefechten des ungleichen Paars: Der übellaunige Ausbilder reagiert auf die Dauerironie seiner Fahrschülerin mit immer eigenwilligeren Lehrmethoden und der Preisgabe tief sitzender Ressentiments.

Politisch ist Leighs Kino auch dort, wo es bloß Spaß zu machen scheint. Die Konstruktion seiner Erzählung zwischen Wohngemeinschaft, Klassenzimmer und Straßenverkehr erlaubt es Leigh, en passant von der alltäglichen Gewaltgesellschaft, von Xenopho­bie und dem jähen Ende des Wohlstands zu berichten: Die nächtliche Begegnung der Heldin mit einem unheilvoll auf sie einredenden Obdachlosen, der einzige surreale Moment dieses Films, erinnert an Leighs finstere Drop-out-Elegie Naked von 1993.

Happy-Go-Lucky

Die 32-jährige Sally Hawkins, die in Leighs „All or Nothing“ (2002) ihre erste größere Chance erhalten hat und im vergangenen Februar bei der Berlinale zur bes­ten Schauspielerin gekürt wurde, brilliert jedenfalls als aktueller Leitstern der Screwball-Comedy. Man kann in Happy-Go-Lu­cky die Umkehrung neuer Frauenkino-Erfolge wie Sex and the City sehen: Leigh betont die lo­cke­re Selbstgewissheit seiner Heldinnen, die weder verzweifelt nach männlicher Anbindung suchen noch heimlich ein bürgerliches Familienleben ersehnen – und Power-Shopping als Ersatzbefriedigung nicht einmal leise in Erwägung ziehen würden.

Text: St.G

tip-Bewertung: Herausragend

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