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„Orly“ im Forum der Berlinale

In den Filmen von Angela Schanelec sieht man immer wieder Menschen dabei zu, wie sie beinahe nichts tun. Wie sie an einem heißen Sommernachmittag im Garten sitzen. Wie sie durch die Straßen einer Stadt spazieren. Meistens sind diese Figuren dabei auf der Suche nach etwas, das sich, wenn überhaupt, nur so finden lässt, in diesem Beinahe-Nichtstun, in diesem Zustand des Abwartens.
In „Orly“ ist dieses Warten den Figuren durch den Ort selbst auferlegt. Im Terminal des Pariser Flughafens begegnen sich Menschen für die Zeit, die ihnen bis zu ihrem Abflug bleibt. Es sind untypische Reisende. Keine Schnäppchenjäger im Duty-Free-Shop, keine Hektiker mit zu vielen und zu schweren Koffern. Schanelecs Figuren bewegen sich mitten unter den anderen Reisenden und wirken doch, als wären sie von allem und von allen distanziert. Eine Frau vermisst ihren Ehering nicht so sehr wie ihren Mantel. Ein junger Mann folgt mit seiner Fotokamera einer Unbekannten, bis sie sich in der Menge verliert. Ein Sohn und seine Mutter offenbaren sich in der Anonymität der Abflughalle einander mehr als je zuvor. Eine Frau liest den Abschiedsbrief ihres Mannes. Schanelecs Film erzählt keine Geschichten, sondern episodische Vignetten, Protokolle von Beobachtungen.
Bislang waren die Schauplätze in Schanelecs Filmen Städte und öffentliche Straßen oder die Privatheit und Enge eines bürgerlichen Zuhauses. „Orly“ spielt erstmals weitgehend an einem Ort, der geschlossen ist und dennoch unpersönlich. Die Idee dazu, erzählt die Filmemacherin, kam ihr, als sie vor ein paar Jahren selbst in Paris auf ihren Abflug wartete. „Was an Orly Sud auffällt, ist die Transparenz, die durch die große Halle mit der riesigen Fensterfront entsteht. Der Raum macht die Leute sichtbar.“ In der lichten Helligkeit der Architektur geschieht alles wie beiläufig. Die Routinen der Abfertigung, das Schlangestehen, der Ticketverkauf. Inmitten der Betriebsamkeit um sie herum löst die Kamera von Reinhold Vorschneider die Figuren aus ihrer Umgebung heraus. Eine Stewardess macht Arbeitspause an der Gepäckaufgabe. Ein junger Kellner lächelt einem Jugendlichen zu. Die Geste ist kaum merkbar, aber als Hinweis deutlich genug.
Wie macht man einen Film in einem internationalen Flughafen während des regulären Betriebs und mitten unter den regulären Reisenden? „Wir haben uns den Raum nicht angeeignet oder ihn in Beschlag genommen, wie es bei Dreharbeiten sonst oft üblich ist. Wir haben nicht eingegriffen in das, was auch ohne uns geschehen wäre.“ Wichtig waren ausgiebige Proben in der Vorbereitung, da man für die Einstellungen vor Ort nicht viel Zeit hatte. Dazu Schanelec: „Der Dreh war nicht komplizierter, sondern anders, mehr wie Theater. Die Einstellungen waren sehr lang, und durch die langen Brennweiten waren die Schauspieler weit weg und ganz für sich. Es hatte viel mit Vertrauen zu tun.“
Eine Tasche wird entdeckt, niemand weiß, wem sie gehört. Der Sicherheitsfall tritt ein, nicht mit Alarmsirenen und Blaulicht, sondern beinahe geräuschlos. Es war der Filmemacherin wichtig, keine Ausnahmesituation zu inszenieren, sondern einen Vor-
gang, der von den Betroffenen in seiner Alltäglichkeit hingenommen wird. Für Schanelec ist der Flughafen „ein Ort, an dem man überhaupt nichts beeinflussen kann und sich letztlich fügen muss. Wenn es darauf ankommt, herrscht großer Gleichmut.“

Text: Dietmar Kammerer

Orly (Berlinale Forum)
13.2., 19.15
, CineStar 8
14.2., 21.30, Delphi
16.2., 12.00, Arsenal 1
16.2., 21.30, Hackesche Höfe
17.2., 20.00, Colosseum 1

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