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„Orly“ im Kino

Orly

Wenn man an Orly im Kino denkt, fällt einem gleich Chris Markers berühmte Fotofilm-Apokalypse „La jetйe“ von 1962 ein. Am Rande des Rollfelds des Flughafens Paris-Orly spielte einst Markers zentrale Szene: eine Todesszene, die, weil sie möglicherweise ein Trauma hervorgerufen hat, vorläufig unentschlüsselbar bleibt. Ein knappes halbes Jahrhundert später lässt die Berliner Autorin und Regisseurin Angela Schanelec ihren sechsten Film auch auf dem Flughafen in Orly spielen. Sieben Menschen stehen im Zentrum: ein in seiner Beziehungsroutine früh erstarrtes Tramperpaar; eine junge Frau mit männlicher Zufallsbekanntschaft; eine Mutter mit ihrem Sohn; schließlich eine Frau, die im Transitbereich den Abschied von ihrem Mann zu verarbeiten sucht. Sie alle warten nicht nur auf Gate-Nummern und Anschlussflüge, sondern auch darauf, ihren Existenzen neue Richtungen zu geben, emotionale Konstellationen neu zu mischen. Im Gewühl der Reisenden wird der Zeitbegriff paradox: Zwischen Check-In und Boarding hat jeder das Gefühl, keine Zeit zu haben, und scheint doch, unterwegs durch die weitläufige Abflughalle, über alle Zeit der Welt für Gespräche und Kontaktaufnahmen zu verfügen, die man sich unter anderen Umständen gar nicht zutraute.
OrlyAls Inszenierung ist „Orly“ ein Wagnis: Schanelecs Schauspieler, darunter immerhin Natacha Rйgnier, Bruno Todeschini und Maren Eggert, agieren inmitten des täglichen Reisechaos, spulen ihre stilisierten Mikrodramen in einer Welt aus Glas, Licht und Metall ab, in der transparenten Funktionsarchitektur des Flughafens. Die Filmemacherin erforscht, indem sie ihrer Fiktion diesen dokumentarischen Hintergrund gibt, mit Teleobjektiv und suchenden Zooms einen Zwischen-Raum, eine Nullzone; denn man befindet sich auf Flughäfen tatsächlich in einer Art „negative space“: nicht mehr hier und noch nicht dort.
Die Fotografie dieses Films besorgte übrigens ein noch immer unterschätzter Künstler, der so etwas wie ein Philosoph des Blicks ist: Reinhold Vorschneider gehört als Kameramann im Team der Filmemacherinnen Maria Speth („Madonnen“) und Angela Schanelec länger schon zum festen Stab. „Orly“ ist dennoch, wie schon der sehr godardeske Vorspann belegt, ein prononciert französischer Film, nicht nur in der gewählten Sprache der Dialoge. Und diese sind, bei aller souveränen Formgebung, auch sein Problem: Die vier parallel erzählten Miniaturdramen bleiben dem Kino seltsam äußerlich, das heißt hier auch: literarisch. Es sind alte Geschichten, die „Orly“ verhandelt und kurzfasst: Erzählungen von jäher erotischer Attraktion und absterbender Liebe, von Trauer, Trennung und Neubeginn. Aber Schanelec begegnet dem Erwartbaren mit Unerwartetem. Am Ende schlägt der Normalbetrieb in die Ausnahmesituation um, verwandelt sich der Zeitstillstand in eine Zeitraserei. Ein Zugriff findet statt: Die politische Gegenwart bricht in eine Welt jenseits der Zeit ein.

Text: Stefan Grissemann

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Orly“ im Kino in Berlin

Orly, Deutschland/Frankreich 2010; Regie: Angela Schanelec; Darsteller: Natacha Rйgnier (Gretchen), Bruno Todeschini (Vincent), Maren Eggert (Sabine); 83 Minuten; FSK: 0

Kinostart: 4. November

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