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„Os residentes“ im Kino

Os Residentes

Auch in der brasilianischen Megalopolis Sгo Paulo gibt es Entwicklungen, die man als Gentrifizierung bezeichnen kann – allerdings in einem etwas anderen Sinn als in Kreuzkölln. Während die Peripherien sich unter dem Ansturm der Bevölkerungsmassen, die großteils vom Land kommen, immer weiter ausdehnen, liegt das alte Stadtzentrum brach. Durch das herrschende Wohnraumdefizit sehen sich tausende Familien gezwungen, die verlassenen Gebäude in Besitz zu nehmen, wie zum Beispiel im Rahmen der Aktion „Ocupaçгo Prestes Maia“ zwischen 2002 und 2007, nach der die Besetzer unter Polizeieinsatz wieder vertrieben wurden. Alte Substanz wird zerstört, neue wird aufgeschichtet, ein Prozess der Verdrängung zwischen Zentrum und Rändern, in dem man sich immer wieder neu positionieren muss. Aktionismus ist hierbei nicht nur ein Mittel seiner Lage Herr zu werden, auf sie aufmerksam zu machen, sondern auch die Dynamiken innerhalb einer Gruppe zu bündeln.
Der brasilianische Regisseur Tiago Mata Machado, aus Belo Horizonte stammend und als Kritiker und Medienkünstler in vielfachen Tätigkeitsfeldern versiert, hat sich in seinem Film „Os residentes“, der 2011 im Forum der Berlinale aufgeführt wurde, einer solchen Gruppe angenommen, aber nicht in Form eines naturalistischen Porträts, sondern einer fragmentarischen Materialsammlung, in der sich seine „Bewohner“ als stellvertreterhafte Figuren an verschiedenen Konzepten und Modellen abarbeiten, und sei es nur dem einer Paarbeziehung. Impliziert ist dabei immer auch das Scheitern, der Stillstand, der Leerlauf, so spielerisch die an Godard, absurdem Theater oder Aktionskunst geschulten Miniaturen auch anmuten mögen.
Durch Überschriften streng in Kapitel unterteilt, verweisen sie immer auch auf den von Alexander Kluge getätigten Ausspruch der „Lücke, durch die der Betrachter in den Film schlüpfen kann“. Schranktüren, die Begriffe demontieren, Treppen, die mühsam in den Boden gegraben werden und doch nirgendwo hinführen, Schamhaar, das zu einem Schnurrbart umfunktioniert wird, und immer wieder das etwas abgenutzt erscheinende Motiv des Sich-im-Kreis-Drehens, bis die Gruppe letztendlich freiwillig ihren Widerstand auf- und das von ihnen besetzte Haus einer beinahe zärtlichen Zerstörung anheim gibt. Selbst diesen Akt als einen des Handelns und somit der Agitation begreifend, beweist der Film noch mal, dass der Realität doch nur mit den Mitteln der Kunst beigekommen werden kann.

Text: Valerie Bäuerlein

Foto: Arsenal – Institut für Film- und Videokunst

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Os Residentes“ im Kino in Berlin

Os Residentes, Brasilien 2010; Regie: Tiago Mata Machado; Darsteller: Melissa Dullius, Gustavo Jahn, Jeane Doucas; 120 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 12. Juli

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