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Oskar Roehler über seinen Film „Quellen des Lebens“

Oskar_Roehler_Harry_Schnittger.jpgHerr Roehler, gefällt Ihnen die Idee, Familienunterhaltung zu machen?
Aber sicher!

Die Berlinale hat den Film nicht programmiert. Können Sie sich das erklären?
Nein – es sei denn, die Berlinale ist inzwischen so auf einem Polit- und Todestrip, dass Filme enden müssen wie bei Kim Ki-duk, bei dem Köpfe rollen und Hände abgeschlagen werden. Viele der Filme sind leider sehr spröde. Nichts, was ich in den letzten Jahren im Wettbewerb gesehen habe, war für ein größeres Publikum gemacht. Es gibt eigentlich nichts Sinnliches zu sehen. Aber dann laden sie außer Konkurrenz statt meinem Film so etwas wie „Les Misйrables“ ein, weil sie glauben, so kriegen sie dann ein paar internationale Stars nach Berlin. Die dann doch nicht kommen.

Obwohl die letzten beiden Filme, „Elementarteilchen“ und „Jud Süß“, auf dem Festival gelaufen sind, klingt das jetzt ein wenig verbittert.
Das ist nicht so gemeint, ich finde nur die Politik verkehrt. Ich brauche die Berlinale nicht für meinen Film, im Gegenteil: Ich finde das langweilig, auf irgendwas abonniert zu sein. Außerdem kann das Festival schnell und unmotiviert zu einer feindlichen Umgebung werden. Und das hier ist ein liebevolles Werk, ein genussvoller Film – ich hab solche Filme gar nicht so richtig gemacht bisher. Ich wünsche mir, dass die Leute sich das in Ruhe und Frieden anschauen und mit einer gewissen Lust.

War beim Schreiben Ihres Romans „Herkunft“, der 2011 erschienen ist, die Perspektive einer Verfilmung immer mitgedacht?
Überhaupt nicht. Das Schreiben hat mich von den üblichen Denkstrukturen befreit. Beim Verfassen eines Drehbuchs hat man oft so ein Nutzdenken. Außerdem hatte ich keine Erfahrung mit epischen Erzählbögen, dabei ist das vielleicht mein eigentliches Talent. Das Buch ist für mich ein Abenteuerroman gewesen, mein eigenes, auch geistiges Abenteuer. Der Film ist ja kein eigenständiges Werk in dem Sinne, sondern eine Roman­adaption – ich konnte immer in dieses herrliche, fertige Buch hineinschauen wie in eine Art Bibel. Meine alten Filme hingegen schaue ich mir nie an.

Oskar_Roehler_Harry_SchnittgerDie Besetzung war bei einem so persönlichen Film sicher besonders wichtig. Spielt die Vertrautheit mit einigen Darstellern aus früheren Filmen eine Rolle?
Auf jeden Fall! Wenn du weißt, wie weit du mit jemandem gehen kannst, vereinfacht das die Sache um ein Vielfaches. Meine wiederholte Zusammenarbeit mit Moritz Bleibtreu hängt sicher auch damit zusammen, dass ich ihn für ein totales Chamäleon halte – gar nicht mal vom Äußeren her. Aber er kann sich unglaublich verwandeln. In „Jud Süß“ wurde er tatsächlich zu Goebbels. Das hat etwas mit der geistigen Präzision und mit Phantasie zu tun. Er ist für mich so etwas wie der deutsche Tom Hanks. Leider habe ich ansonsten gar keine richtige Schauspielerfamilie, da die Filme dann doch immer sehr unterschiedlich sind.

Aber in Nebenrollen treten häufig die gleichen, markanten Typen auf.
Stimmt, es gibt Schauspieler, die bei mir immer wieder mitspielen, weil sie eine Skurrilität haben und sich auch trauen, diese Skurrilität auszuspielen. Mir wird ja oft Übertreibung vorgeworfen, aber ich habe tatsächlich eine große Lust daran, Extreme zu sehen und zu zeigen.

Das provoziert dann aber beim Publikum oft auch eine Abwehr und kommt im deutschen Kino selten vor.
Meine Generation ist mit John Waters und David Lynch aufgewachsen, und man fragt sich: Warum bleiben bei den meisten Filmemachern diese wunderbaren Blüten des Camp und Trash so wirkungslos, dieses fiese Rumstochern in bürgerlichen Befindlichkeiten? Letztlich doch, weil sie beim Bürgertum reüssieren, belobigt werden wollen vom FAZ-Feuilleton. Und sobald du dir einen Ausrutscher erlaubst, bist du raus. Mich allerdings treibt immer noch an, dass ich da nicht dazugehören will.

Ich habe den Eindruck, Sie arbeiten ganz bewusst und produktiv mit einer Art Materialwiderstand der Ausstattung, bei dem die Alltagsgegenstände vollgesogen scheinen mit Zeitgeist oder eher mit einer Art kollektiver Erinnerung.
Ich könnte einen ganzen Film über einen Gegenstand machen, denn gerade wenn man mit der Erinnerung arbeitet, wenn man eine Liebesgeschichte erzählt, dann geht es immer um bedeutsame Dinge. Man hat im Leben diese signifikanten Bilder ja selbst. Bei meinem Vater war es zum Beispiel ein Margarinenbrot mit Pflaumenmus. Als er dann gestorben ist, mir zum letzten Mal die Tür aufmachte, und ich sah, der Tod ist eigentlich schon komplett da, und gehe in die Küche und sehe dieses halbe, angeschnittene Brot, das mich durch meine Kindheit begleitet hat, da kamen mir sofort die ­Tränen.

Häufig haben bei Ihnen gerade die emblematischen Szenen auch einen Witz.
Ich will, dass eine Sache mit einem Bild klar ist, die Essenz einer Situation oder Person darin fassbar wird. Aber mittlerweile wird es für mich auch immer wichtiger, dass die Dinge einen Witz haben, sonst wird’s kompliziert und prekär. Auch in „Jud Süß“ hat man das gemerkt, und das wurde mir übel genommen. Aber den Film hat eigentlich schon der Titel gekillt.

„Quellen des Lebens“ dauert fast drei Stunden und wird, nochmals umfangreicher, als Prime-Time-Zweiteiler in der ARD ausgestrahlt. Interessiert Sie das serielle Format, als deutsche Familiensaga zwischen Edgar Reitz und David Lynch?
Aber natürlich, sehr gerne! Es geht ja darum, zu erzählen, und nicht um das Format. Man müsste mal schauen, was es in Deutschland an literarischen Stoffen so gibt. „Die Buddenbrooks“ hat mich wirklich deprimiert; dass man einen so tollen Stoff so verpfuscht und er jetzt für die nächsten vierzig Jahre erledigt ist. Gustav Freytags „Soll und Haben“ wäre noch eine Option, damit bin ich auch befasst. Solche epochalen Romane wurden in Deutschland kaum geschrieben.

Dann muss es eben ein Originalstoff sein.
Das unglaubliche Leben von Joseph Beuys, das wäre auch noch ein Kapitel, das mich interessiert. Das ist ein großer Stoff, in gewisser Weise auch eine Art Eulenspiegelei, wenn man sich anschaut, wie er seinen eigenen Mythos aufgebaut hat. Das wär’ schon eine tolle Sache!

Interview: Stella Donata Haag

Foto: Harry Schnittger

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