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Oskar Roehlers „Lulu & Jimi“ im Kino

Lulu und JimiMit dem spröden deutschen Film kann sich Oskar Roehler nicht anfreunden. Der furchtlose Berliner Regisseur?(„Der alte Affe Angst“, „Agnes und seine Brüder“), wundert sich über viele seiner einheimischen Kollegen: Darüber, warum die einfach kaum Lust entwickeln wollen, sich beim amerikanischen Kino zu bedienen, obwohl hierzulande doch fast jeder mit den transatlantischen Kinoträumen groß geworden ist. „Die meisten denken wahrscheinlich: Das ist ganz weit weg und hat nichts mit mir zu tun“, sagt Roehler beim Interview in der imposanten alten Villa in der Kurfürstenstraße, die heute als Headquarter der Berliner Produktionsfirma X-Filme dient. „Aber wie kann etwas zu weit weg sein, was man 30 Jahre wie die Muttermilch in sich aufgesogen hat?“
In seiner ersten Arbeit nach der weichgespülten Houellebecq-Adaption „Elementarteilchen“ lässt er wahrlich keinerlei Berührungs- und Selbstbedienungsängste erkennen. Mit „Lulu & Jimi“ will er schließlich nicht nur ein sehr amerikanisches Rock’n’Roll-Märchen, sondern ganz einfach die größte Liebesgeschichte der Welt erzählen – und macht seinen Film sehr deutlich zur Hommage an David Lynch und dessen ro­man­tisches Amok-Roadmovie „Wild at Heart“ (1990). Ein „Thank you, David L.“ schickt er gleich leinwandfüllend im Vorspann vorweg, bevor aus Lynchs Sexbunny Lula eine Lulu (Jennifer Decker) und aus dem Schlangenleder­ja­cken-Elvis Sailor der schwarze Jimi (Ray Fearon) wird.
Lulu und JimiWie Lynchs durchgeknalltes Paar sind auch die beiden auf der Flucht vor der garstigen Übermutter (hier: Katrin Sass), die sie mit allen Mitteln auseinanderbringen will. Doch Lulu schert sich nicht um die entsetzten und rassistischen Provinzler, um den Familienchauffeur (Udo Kier), der sie zurückholen soll, und den Indus­triellensohn Ernst (Bastian Pas­tew­ka), der sie heiraten will. Sie ist bereit, mit Jimi rebellisch und unbekümmert alle Widerstände zu überwinden, die sich ihnen auf dem Weg in die Freiheit und zum Hamburger Überseehafen in den Weg stellen.
Roehler, gerade 50 geworden, hat die Handlung dabei vom schwitzigen Süden der USA nach Schweinfurt und in sein Geburtsjahr 1959 verpflanzt. Deshalb wurde ihm während der Arbeit an „Lulu & Jimi“ auch immer wieder geraten, aus dem Schwarzen doch einen Türken oder Griechen und aus dem Cadillac einen VW oder Opel zu machen. Doch Roehler kümmerte das nicht. Nichts ist für ihn uninteressanter als eine detailgetreue Rekonstruktion, die mit größtmöglicher Authentizität zeigen will, wie es damals angeblich wirklich war.
Vielmehr schaut er durch seine sehr eigene Brille auf diese trügerische Wirtschaftswunderidylle. Der schrille Spießermuff sieht dabei stellenweise aus wie ein Import aus John Waters’ Trash-Klassiker „Female Trouble“, der Kamerablick auf Blumen und Sträucher erinnert an ein Douglas-Sirk-Melodram, und Schweinfurt wirkt kaum weniger amerikanisch als das damalige Amerika selbst. „Ob Pepita-Anzüge oder amerikanische Autos – dieser barocke Stil ist tatsächlich gelebt worden in der fränkischen Provinz“, sagt Roehler. „Die neureichen Männer mit Schraubenfabrik hatten halt einen Cadillac. Und die Frauen sahen eben aus wie Lana Turner und wollten goldene Wasserhähne haben.“

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 03/09 auf Seite 44.

Text: Sascha Rettig

Fotos: Joseph Wolfsberg

tip-Bewertung: Sehenswert

Lulu & Jimi, Deutschland 2008; Regie: Oskar Roehler; Darsteller: Jennifer Decker (Lulu), Ray Fearon (Jimi), Katrin Sass (Gertrud); Farbe, 92 Minuten

Kinostart: 22. Januar 2009

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