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„Oslo, 31. August“ im Kino

Oslo, 31. August

Oslo als Sinnbild eines vergangenen Daseins, das sich plötzlich wieder vor einem auftürmt, zu groß, als dass man tatsächlich hineintreten wollte. Und mit ihm die Erkenntnis des eigenen Stillstands. Ein vermeintlicher Leerlauf, der direkt bei Anders’ erstem Stopp ersichtlich wird: Ein Besuch bei Thomas, einem alten Freund, der vor lauter Nervosität erstmal eine Flasche Bier auf den Wohnzimmertisch knallt, die Anders dankend ablehnt. Ja, das Leben ist weitergegangen. Thomas hat geheiratet, eine Familie gegründet, ist Dozent an der hiesigen Universität. Beide sitzen wenig später auf einer Parkbank, zwischen sattem Grün. Und während der ehemalige Casanova versucht, Anders Mut zu machen für diesen neuen Abschnitt ohne Drogen, vielleicht mit einer Freundin, verhaspelt er sich selbst in der Draufsicht auf sein eigenes Leben. Er und seine Frau hätten kaum noch Sex, seitdem die Kinder da seien, und sowieso fehle ihm dieses Früher, die Unverbindlichkeit. Und so kauern sie beide da, jeder für sich gescheitert.
Anders’ Tag wird zur Nacht. Alte Gesichter tauchen auf, Erinnerungen, das erste Glas Sekt nach dem Entzug, die Frauen, die Küsse, die Fahrradfahrten durch die beleuchteten Straßen. Vermeintliche Ekstase. Alles auf Anfang, „Reprise“, wie der Titel des Debütfilms Triers. Hier waren es zwei junge Männer, die sich im Kräftemessen um das beste Manuskript irgendwo verloren und letztlich, so hoffte man, doch wiederfanden. Verspielt und schnell, doch nicht minder tragisch als „Oslo, 31. August“. Die Geschwindigkeit hat Trier dieses Mal eingetauscht gegen luzide, klare Bildfolgen, der verschachtelte Plot – reduziert auf ein Minimum. Und das hitzige „Deceptacon“ der Frauen-Indieband Le Tigre – eingetauscht gegen das mäandernd-reife „La Ritournelle“ von Sebastien Tellier. Was geblieben ist, ist Anders Danielsen Lie in der Rolle des empfindsamen Außenseiters, der nirgendwo hineinpassen kann und will, und das irgendwie auch zu Recht. Seine 24 Stunden enden am Ausgangspunkt. Nicht im Motel, sondern im Haus seiner Eltern. Im ultimativen Rückzug.

Text: Carolin Weidner

Fotos: Peripher Filmverleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Oslo, 31. August“ im Kino in Berlin

Oslo, 31. August, Norwegen 2011; Regie: Joachim Trier; Darsteller: Anders Danielsen Lie (Anders), Hans Olav Brenner (Thomas), Ingrid Olava (Rebekka); 95 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 4. April

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