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Kommentar

„Otto der Film“ und der Rassismus – Reaktionen, Beleidigungen und der Sinn einer Debatte

Die Debatte um Otto und Rassismus weitet sich aus: Mitte Juni schrieb tip-Redakteur Jacek Slaski einen Kommentar, nachdem er sich die extrem erfolgreiche Komödie „Otto der Film“ (1985) mit seinem zehnjährigen Sohn angeschaut hat und darin auf mit Rassismus spielende Gags stieß, die ihn irritierten. Ein gewaltiger Shitstorm überflutete den Text, Henryk M. Broder ging in Position, ebenso der Verein Initiative Schwarze Menschen. Eine Debatte wurde ausgelöst. Der Autor meldet sich deshalb noch einmal zu Wort.

Otto und Rassismus, eine Debatte wurde ausgelöst: "Otto - Der Film", 1985.
„Otto – Der Film“, 1985. Foto: Imago/United Archives

„Dieser Artikel ist der größte Schwachsinn. Der Film ist ein Zeugnis seiner Zeit und hat nichts mit dem heutigen Leben zu tun“, schreibt jemand auf Facebook, einer von Tausenden.

„Wenn man keine Ahnung von Satire als dem Mittel der drastischsten Überzeichnung zur Offenlegung der Wahrheit hat, dann sollte man diese Unwissenheit nicht in aller Öffentlichkeit auswalzen“, schreibt ein anderer.

Oder: „Wieder ein Journalist, der auf den Rassismus Zug aufspringen möchte?“ Rassismus ist ein Thema, darüber wird geschrieben und nachgedacht. So viel dazu.

Und dann natürlich: Zensur, Zensur, Zensur. Ich wolle den Film verbieten, beschneiden, verbrennen und die Geschichte neu schreiben. In keinem Halbsatz fordere ich in dem Kommentar vom 17. Juni 2020 die Zensur. Im Gegenteil! Aber sei es drum, jeder liest, was er oder sie will.

Von Satire habe ich also keine Ahnung, die darf alles. Ist das so? Sie darf viel, aber natürlich nicht alles und sie tut auch nicht alles. Und sie kommt aus den Jahren. Satire, die einem bestimmten Geist entsprang und diskriminierend eingesetzt wurde, wirkt heute zu recht problematisch. Auch darauf sollte man hinweisen dürfen. Der Satz „Satire darf alles“ ist genauso ausgelutscht wie eine überhöhte politische Korrektheit, die dem Otto-Kommentar vorgeworfen wurde.

In irgendeine Wunde hat der Text aber Salz gestreut, er ist vielen auf die Nerven gegangen, er hat Abwehrhaltungen provoziert und Empörungen, die Welle des Sich-Angegriffen-Fühlens war beachtlich.

„Es spielt keine Rolle, dass dieser kretinöse Satz im tip steht.“

Henryk M. Broder, Vordenker der Wutbürger, Merkel-Kritiker und sonstig Beleidigter, schrieb in seinem Blog „Die Achse des Guten“ zu der in dem Text gestellten zentralen Forderung: „Es ist Zeit für eine Auseinandersetzung mit Otto und dem Rassismus!“, den folgenden Gedanken:

„Es spielt keine Rolle, dass dieser kretinöse Satz im tip steht. Er könnte auch in der ‚Zeit‘ erschienen sein. Oder in der ‚SZ‘. Im Kampf gegen den Rassismus kommen Hinz und Kunz zusammen, findet jeder Topf seinen Deckel und jeder Arsch einen passenden Eimer. Und wenn es nicht der Rassismus ist, der die Volksgemeinschaft ausmacht, dann eben der Anti-Rassismus. Und beide Made in Germany.“

„Möglicherweise ein sehr frühes Beispiel für anti-rassistische Komik im deutschen Film“

Tatsächlich war die einzige Frage, die ich mir gestellt habe, weshalb offenkundig auf Rassismus basierende Witze in einem derart erfolgreichen Film noch nie diskutiert wurden. Dafür aber „Vom Winde verweht“ oder „Pippi Langstrumpf“ in der Rassismus-Debatte immer wieder als negative Beispiele aufgeführt werden.

Nun werden die Otto-Witze eben doch diskutiert und wie es nicht anders sein konnte, verläuft die Sache kontrovers. Die Berliner Produktionsfirma Rialto Film, die den „Otto“-Film produziert hat, wehrt sich gegen den Rassismus-Vorwurf: „Die Szene in ‚Otto – der Film‘, in der Otto und ein dunkelhäutiger GI versuchen, einer unfassbar törichten Person einen Sklaven zu verkaufen, ist möglicherweise ein sehr frühes Beispiel für anti-rassistische Komik im deutschen Film“, sagt Geschäftsführer Matthias Wendlandt auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Die problematische Szene mit Otto und Günther Kaufmann aus „Otto – Der Film“ (1985)

Interessant ist bei dem Statement die Verwendung der Vokabel „möglicherweise“. So sicher ist man sich da vielleicht doch nicht. Dennoch: Natürlich ist das alles Satire, der ganze Film ist Klamauk. Natürlich ist Otto Waalkes kein Rassist, das stand übrigens auch schon in dem ursprünglichen Text, und die der Neuen Frankfurter Schule angehörenden Drehbuchautoren Bernd Eilert, Robert Gernhardt und Pit Knorr sind natürlich auch keine Rassisten. Wer das behauptet, wäre nicht richtig im Kopf.

„Symptomatisch für das mangelnde Rassismusverständnis“

Trotzdem kann 35 Jahre nach dem Film doch mal über Otto und Rassismus gesprochen werden. Über ein anderes Verständnis von Gesellschaft, über andere Formen von Kommunikation, über Werte und über Tradition und Geschichte, auch in der Popkultur.

Menschen, die eine andere Hautfarbe als weiß haben, sehen die Sache mit Otto durchaus in einem anderen Licht: „Wenn diskriminierender Humor normalisiert wird, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn es zu Schlimmerem kommt. Und Traditionen, die diskriminieren, verletzen und ausgrenzen, sind nicht erhaltenswert“, sagte Tahir Della, Sprecher der Initiative Schwarze Menschen, der dpa.

„Dass selbst bei solch offenkundigen rassistischen Inhalten noch geleugnet wird beziehungsweise eine anti-rassistische Intention ‚reingezaubert‘ wird, ist symptomatisch für das mangelnde Rassismusverständnis“, fährt er fort.

2020 ist nicht 1985, das stimmt. Niemand wird zum Rassisten, wenn er „Otto“-Filme schaut. Ich persönlich habe weder Ottos Kopf noch das Herausschneiden der problematischen Szenen gefordert, aber etwas mehr Reflexion und Einfühlungsvermögen müssten nach 35 Jahren doch möglich sein. Auch dafür sind Debatten da.

Sehr schön, das noch zum Abschluss, fand ich eine Zuschrift, die mich kürzlich erreicht hat: „In NRW im Sauerland fließt ein Fluss Namens Neger. Sollte der Fluss ggf. umbenannt werden müssen?“. Was soll ich sagen, natürlich soll er umbenannt werden, und zwar in Otto.


Es gab Kritik an der großen Black-Lives-Matter-Demo – der Vergleich mit der Boot-Demo war großer Unfug. Ihr wollt euch zum Thema Antirassismus weiterbilden? Wunderbar: in den letzten Jahren sind auch in Deutschland einige empfehlenswerte Bücher zum Thema erschienen. Eine kleine Auswahl hat „She said“ zusammengestellt: Berlins neue Frauenbuchhandlung, die ihren Fokus auf Autorinnen und queere Literatur setzt.

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