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„Our Grand Despair“ im Kino

Our Grand Despair

Ender und Cetin, zwei Junggesellen in ihren Dreißigern, sind seit Kindertagen miteinander befreundet. Vor einem Vierteljahr erst haben sie ihren lange gehegten Plan in die Tat umgesetzt und gemeinsam eine Wohnung in Ankara bezogen – da gerät auch schon wieder alles aus den Fugen, wird ihr friedliches Zusammenleben empfindlich gestört. Die Eltern eines gemeinsamen Freundes kommen bei einem Autounfall ums Leben. Dieser aber lebt in Deutschland und will seine Schwester Nihal, die in der Türkei nun plötzlich ganz alleine dasteht, nicht kurz vor ihrem Hochschulabschluss aus ihren gewohnten Zusammenhängen reißen. Also bittet er Ender und Cetin, die junge Frau so lange bei sich aufzunehmen, und die beiden kommen der Bitte nach. „We’re like daddies“, meint der eine ein wenig überrascht zum anderen, doch bald sind sie nicht mehr nur wie Väter, sondern auch beide verliebt. Und eifersüchtig aufeinander. Dabei doch eigentlich chancenlos. Denn Nihal genießt zwar die Aufmerksamkeit der beiden älteren Männer, sieht in ihnen aber doch eher gute Kumpels als potenzielle Liebhaber.
„Our Grand Despair“ von Seyfi Teoman handelt von einem Gefühlstumult, der nicht laut werden muss, um seine tiefgreifende Wirksamkeit zu beweisen. Als würde er sanften Wellen auf einer ruhigen Wasseroberfläche nachspüren, fängt Teoman mit zarten Kamerabewegungen Atmosphären und Stimmungswechsel ein. Sein geduldiger, von einem seltenen melancholischen Humor geprägter Blick richtet sich auf alltägliche Szenen und macht die minimalen äußeren Anzeichen in Bewegung geratener, unvermutet tiefer Gefühle sichtbar. Kleine Verschiebungen zunächst, aus denen größere Verwerfungen wachsen könnten. Im Inneren immer kreisend um die Frage, ob es Freundschaft oder Liebe ist, die eine langmütige und dauerhafte Bindung zwischen Menschen ermöglicht.
Our Grand Despair„Was mich an dem Stoff vor allem fasziniert hat, war dessen grundlegendes Infragestellen der konventionellen Festlegungen von Beziehungen. Also die Frage nach dem Missverhältnis zwischen der Natur gefühlsmäßiger Bindungen und den sprachlichen Mustern, die zu ihrer Beschreibung verwendet werden.“ So Teoman, der das Drehbuch zu „Our Grand Despair“ gemeinsam mit Baris Bicakci, dem Autor des gleichnamigen Romans, schrieb. Die Beziehungen der Filmfiguren zueinander bleiben also in einem, wenn man so will, Zustand der Unschuld. Sie bleiben jenseits einer standardisierten Wahrnehmung, die in zwei zusammenlebenden Männern sofort das schwule Paar zu erkennen vermeint oder in einer gemischtgeschlechtlichen Dreierkonstellation die von sexuellem Begehren aufgeladene Mйnage а trois. Eine zarte Berühung hier, ein vorsichtig sehnsüchtiger Blick dort, ein von Herzensschwere kündender Seufzer oder ein nicht ausgesprochenes Wort – mehr Orientierungshilfe im Dickicht ungeklärter und unausgesprochener Gefühle wird dem Zuschauer hier nicht geboten. Und doch erschließt sich auf diese Weise das komplexe Innenleben der drei Protagonisten, wird deutlich, dass die Verhältnisse zwischen ihnen komplizierter sind und wechselhafter als die auf sie angewandten Worte, die sie letztlich weniger beschreiben als vielmehr beschneiden.

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