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"Overgames" im Kino

"Overgames" im Kino

Im Jahr 2004 saß Joachim "Blacky" Fuchsberger bei Anne Will in einer Talkshow und erzählte davon, dass Shows in der ­Frühzeit des Fernsehens auf amerikanische Experi­mente aus dem Bereich der Psychiatrie ­zurückgingen. Für den Dokumentarfilmer Lutz Dammbeck ("Dürers Erben") wurde diese Behauptung zu einem der Ausgangspunkte für "Overgames", eine verschlungene Recherche, in der es um Themen wie "Nationalcharakter", "Re-education" und kulturelle Anthropologie geht.
Die Gameshow "Beat the Clock" hieß in Deutschland "Nur nicht nervös werden", und Bilder von Menschen, die in einem Käfig im Kampf gegen die Uhr Geldscheine raffen, sind auch heute noch geläufig. Die Suggestion, mit Fernsehformaten könnte so etwas wie eine nationale Konditionierung oder gar im besten Fall eine Kur für ein möglicherweise unheilbar "paranoides" Deutschland liegen, kann Dammbeck aber nicht wirklich erhärten. Dazu ist das Material, das er heranzieht, letztendlich zu verstreut, der Bogen, den er mit seinem "Spiel" schlägt, reicht von der Französischen Revolution bis zum Milgram-Experiment, von Benthams Panopticon bis zu Eichmann in Jerusalem.
Die im Kern erkennbare These, dass die USA schon während des Zweiten Weltkriegs an einer neuen Weltordnung arbeiteten, und dass Kultur dabei eine bedeutende Rolle ­spielen sollte, ist nicht neu. Für einen orthodoxeren Dokumentarfilm wäre es vielleicht klüger gewesen, sich auf eine Figur wie den jüdischen Fernsehproduzenten Mark Goodson zu konzentrieren, aber Dammbeck geht es um ein Ganzes, in dem ein naturwissenschaftlich imprägnierter Kulturbegriff ­erkennbar wird, für den die Gameshows ein markantes Symptom darstellen.
Dieses Ganze findet er aber konkret nur in dem Stückwerk, aus dem der überlange "Overgames" besteht: Besuche bei amerikanischen Fernsehveteranen ergeben wenig Brauchbares, während Dammbeck umgekehrt die Stärken des gefundenen Archivmaterials zu wenig herausarbeitet, weil er sich selbst eben immer schon einen halben Gedanken voraus ist.    

Text: Bert Rebhandl

Foto: Overgames/ Dammbeck Film

Orte und Zeiten: Overgames

Overgames D 2015, 164 Min., R: Lutz Dammbeck

?Kinostart: Do, 21. April 2016

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