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Paolo Sorrentino im Interview über seinen Film „Il Divo“

tip Paolo Sorrentino, Sie haben einmal gesagt, dass Sie von einem Schwindel erfasst wurden, als Sie sich mit der Figur Giulio Andreotti zu beschäftigen begannen, dem mächtigsten und umstrittensten Politiker in Italien vor Silvio Berlusconi. Ist der Film „Il Divo“ nun Ausdruck dieses Schwindelgefühls?
Paolo Sorrentino Ganz sicher. Es ist absolut unmöglich, die Wahrheit über Andreotti zu erzählen. Das haben Journalisten und Historiker nicht geschafft. Der Film erzählt diese Unmöglichkeit, weil die Wahrheit durch Männer wie Andreotti hindurchgehen muss, durch einen Mann, der das Geheimnis zu einem Prinzip des politischen Lebens gemacht hat.

tip Dieses Mysterium, das Andreotti umgibt, macht ihn – und den Film – auch ungeheuer attraktiv. Ein Zwiespalt?
Sorrentino Für mich schon. Natürlich bin ich mit seiner Politik nicht einverstanden, es gibt aber eine seltsame Anziehungskraft. Das ist ein Mann, der wirklich unerbittlich ist und das vor allem durch Bewegungslosigkeit, durch eine gewisse Starrheit zum Ausdruck bringt.

tip Was hat Sie bewogen, „Il Divo“ in einer verschachtelten Weise zu erzählen, nicht linear, sondern eher an Bewusstseinspro­zessen orientiert?
Sorrentino Biografische Filme in der klassischen Weise liegen mir nicht. Der mentale Aspekt ist mir wichtig, ich wollte in sein Bewusstsein hineinkommen, so komplex das auch ist. Die italienische Geschichte ist auch nicht linear, sondern immer wieder schwer zu erklären und zu verstehen. Es gab und gibt immer noch eine dunkle Seite der Macht, man steht bis heute mit einem Fuß in den politischen Systemen der Dritten Welt, die von Geheimnissen umgeben sind und in denen es eine autoritäre Versuchung gibt.

tip Gerade weil der Film etwas sehr Spekulatives hat, ist „Il Divo“ so interessant. Lassen Sie uns deswegen über Faktizität und Inszenierung sprechen. Zum Beispiel die auffällige Szene, in der Andreotti einen Monolog spricht, eine Beichte, ein großes Geständnis. Gibt es für diesen Text eine historische Grundlage?
Sorrentino Es ist, obwohl Andreotti spricht, die einzige Szene im Film, in der ich wirklich sage, was ich denke. Es ist eine Zusammenfassung dessen, was ich glaube, verstanden zu haben. Den Text habe also ich selbst geschrieben, und es ist die einzige Szene, in der ich von außen in den Film eingreife. Zugleich ist es wie eine Traumszene, ein Moment, in dem Andreotti wie außer sich ist. Als Autor darf man sich nicht verstecken, man muss Flagge zeigen, und das habe ich durch diesen Monolog gemacht.

tip Ein anderes Beispiel: Die Begegnung Andreottis mit dem Mafiapaten Totт Riina.
Sorrentino Von dieser Begegnung gibt es einen Bericht von einem „pentito“, einem ausgestiegenen Mafioso. Diesem Bericht folgen wir da sehr genau, er hat das Haus beschrieben, welche Bilder an der Wand waren und dass der Raum sehr hell war. Das ist eine Szene, die realistisch ist, aber auch fiktional, denn wir wissen ja nicht, wie zuverlässig dieser Mann ist. Das drückt die Inszenierung aus, die eindeutig nicht naturalistisch ist.

Lesen Sie das vollständige Interview in tip 09/09 auf den Seiten 34-35.

Lesen Sie hier: Ein Untoter mit Kassenbrille: „Il Divo“ im Kino 

Interview: Bert Rebhandl

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