Historiendrama

„Paradies“ im Kino

Ein vielschichtiges Melodram über deutsche und russische Seelen

Foto: Alpenrepublik/ Sveta Malikova

Abgemagert und mit geschorenem Kopf sitzt die russische Prinzessin Olga Kamenskaja vor einer Kamera und erzählt von der Hölle. Sie geriet 1942 in Paris in Gefangenschaft, weil sie jüdische Kinder beschützt hatte. Ihr Weg führt nach Osten, in die Lager, in den nahezu unausweichlichen Tod. Doch es gibt einen Ausweg, denn die Hölle ist in Andrei Konchalovskys „Paradies“ eine Entstellung des Traums von einem perfekten Leben.

Und an diesem Leben hat Olga Kamenskaja früher teilgenommen, vor allem in einem schönen Sommer im August 1933. Damals traf sie einen jungen Deutschen: Helmut Axenberg. Auch Helmut sieht man in „Paradies“ mehrfach direkt in die Kamera sprechen. Er erzählt von seiner Karriere bei der SS, und er sagt irgendwann einen wichtigen Satz: „Meine Flucht vor der Realität war die Beschäftigung mit der russischen Literatur.“ Er ist einer von vielen Deutschen, die mit Russland eine ­tiefere Wahrheit und eine reinere Kultur verbinden. Kein Wunder, dass er sich in Olga Kamenskaja unsterblich verliebt.

Womit er allerdings nicht rechnen konnte, sind die Umstände ihres Wiedersehens: in einem deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager, dem 1944 die Rote Armee schon gefährlich nahe rückt. In künstlerisch hochwertigen Schwarzweiß­bildern erzählt Andrei Konchalovsky in „Paradies“ einen historischen Stoff, der zutiefst von einer Sehnsucht nach Erlösung durch Kultur geprägt ist. Die Geschichte von Olga Kamenskaja wird in Verbindung mit Anton Tschechow gebracht, dem großen russischen Autor, den Konchalovsky immer wieder inszeniert hat. Seine eigene schillernde Karriere hat ihn in den Jahren der Sowjetunion ins Exil und nach Hollywood gebracht, wo er mit Sylvester Stallone gearbeitet hat („Tango & Cash“). Inzwischen gehört Konchalovsky zum Establishment des russischen Kinos, nicht ohne immer wieder auch kritischere Positionen einzunehmen.

Die deutsch-russische Koproduktion „Paradies“, die 2016 in Venedig Premiere hatte, stellt einen ambivalenten Versuch dar, den aus dem Zweiten Weltkrieg verbliebenen ­Antagonismus zwischen Deutschen (Nazis) und Russen (bei denen die Prinzessin zur ­Opposition gegen den Kommunismus gezählt werden muss) zugleich zuzuspitzen und zu entschärfen.

Konchalovsky bedient sich dabei eines merkwürdigen filmischen Mittels, denn er lässt drei Protagonisten (neben Olga und Axenberg noch den französischen Kollaborateur Jules) zwischendurch immer wieder wie in einem Verhör über ihre Geschichte sprechen. Bis man sich allmählich fragt, was das denn für eine merkwürdige Instanz sein mag, die hier angesprochen wird. Des Rätsels Lösung ist so metaphysisch, wie die gesamte Konstruktion von „Paradies“ immer wieder zu einer eigentümlichen Mystik Zuflucht nimmt, die man auch wieder als genuin „russisch“ verstehen könnte. So schillert „Paradies“ auch ­zwischen den Fronten heutiger kultureller Konflikte und ist schon allein aus diesem Grund sehr sehenswert.

Ray (OT) RUS/D 2016, 132 Min., R: Andrei Konchalovsky, D: Julia Vysotskaya, Christian Clauß, Philippe Duquesne, Peter Kurth, Jakob Diehl, Start: 27.7.

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