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Paul Thomas Anderson über „Inherent Vice“

Inherent Vice

Anderson klebte Indexkarten an eine große Tafel, auf der er das Kaleidoskop von „Inherent Vice“ zu entschlüsseln suchte. Er übernahm komplette Dialoge und Passagen, stellte um und ergänzte, Pynchon persönlich gab dem Schüler Feedback, was dieser nie zu kommentieren wagte. Anderson wirkt glücklich am Ende der Strecke, die ihm seine vierte Oscar-Nominierung als Autor einbringen wird. Und ganz besonders freut ihn, wie viel Verwirrung sein Film stiftet, der einem Plot folgt, den schon im Buch keiner verstanden hat, und voller Begegnungen ist, bei denen uns Figuren fast fremder werden, je mehr wir über sie erfahren.
Anderson weiß natürlich, dass er mit 44 als Regisseur von Weltrang gilt, der jeden Schauspieler und jedes Festival haben kann, weil sein Name realistische Erwartungen an ein Meisterwerk schürt. Druck? „Nein, aber eine sehr irritierende Position“, findet Anderson, „weil man sich natürlich immer erwartungsfreie Zuschauer erhofft. Dabei ist meine einzige Maxime, nichts anzurühren, was ich schon mal gemacht habe. Kann ich nicht vom Prozess überrascht werden, beginne ich ein Projekt erst gar nicht. Ansonsten hoffe ich auch nur, dass genug Neugierige folgen. Nicht jeder Film muss beim ersten Mal verstanden werden. Ich persönlich muss Filme gar nicht verstehen. Ich muss bloß glauben, dass die Menschen echt sind.“
Inherent VicePrivatdetektiv Sportello begegnet vor allem verhaltensauffälligen Mitmenschen bei seinem Noir-Trip unter kalifornischer Sonne. Ihre Geschichten mögen in der Ära von Neil-Young-Hits und Manson-Morden spielen, doch die Archetypen gibt es bis heute. Bikinimädchen und Gurus, böse Cops und irre Millionäre, die Lebenskünstler und die Überlebensgroßen. „Ich halte Pynchons Roman auch für zeitlos und haben jeden schon im wahren Leben getroffen, dem wir auf der Leinwand begegnen“, erzählt Anderson, „auch wenn es schwer war, unverfälschte Locations zu finden. Das Los Angeles aus der Zeit von ‚Chinatown‘ – es verschwindet allmählich unter Neubauten.“ Doch wo Anderson in seinen ersten Filmen noch zu Nostalgie neigte, ist „Inherent Vice“ kein wehmütiger Blick zurück, sondern ein Fanal für Freigeister.
„Paul ist bereit“, definiert es Joaquin Phoenix, „jede Szene an jedem Drehtag spontan zu ändern, wenn du dich als Schauspieler dabei wohler fühlst. Das macht sonst niemand und bei so viel Freiheit bist du bald bereit, für diesen Mann von der Klippe zu springen.“ Anderson und Phoenix ticken sehr synchron, wenn sie vom Prozess des Suchens schwärmen, ohne später so recht erklären zu wollen, was sie gefunden haben. „Inherent Vice“ mag dem geneigten Zuschauer auch unlösbare Rätsel aufgeben, wenn Anderson das Mysterium Pynchon in Bilder übersetzt, ohne es zu dechiffrieren. Andere Regisseure erfinden 3D-Welten, Anderson aber erfindet Erzählformen für unsere Welt, und sei es durch die Rauchschwaden eines Joints.
„Ich bin sehr dankbar“, sagt er, „wie meine bisherigen Filme aufgenommen wurden, und rechne eigentlich noch immer damit, dass mir mal jemand den Geldhahn zutritt. Jeder Film war ein Risiko. Je älter ich werde, desto größer fühlen sich die Risiken an. Und ohne die Angst, auch krachend scheitern zu können, wäre für mich kein neuer Film mehr vorstellbar.“

Text: Roland Huschke

Fotos: Wilson Webb / 2013 Warner Bros. Entertainment Inc. AND RATPAC-DUNE ENTERTAINMENT LLC

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Inherent Vice“ im Kino in Berlin

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