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Paul Thomas Anderson über „Inherent Vice“

Paul Thomas Anderson

„You motherfucker“, entfährt es Joaquin Phoenix zur freudigen Begrüßung, als sein Regisseur verfrüht ins Zimmer platzt. Ein paar Wochen haben sie sich nicht gesehen, seit ihr zweiter Streich „Inherent Vice“ in New York Premiere feierte. Eine Wundertüte von Film nach dem harten Brett „The Master“. Doch Paul Thomas Anderson macht auf dem Absatz kehrt. „Er ist so schüchtern und kann es nicht aushalten, wenn man ihn zu sehr lobt“, sagt Phoenix.
Wie Brüder gehen die beiden miteinander um, wenn man sie danach zusammen erlebt im Flur des Los Angeles Athletic Club. Zwei Langhaarige und Unrasierte, liebevoll frotzelnd und peinlich berührt, dass sie in Mikrofone sprechen sollen in einem Nobelhotel. „Es wirkt so unnatürlich, sich an einem Samstagnachmittag hinzusetzen, um über etwas zu reden, das  intuitiv entstanden ist“, findet Anderson als Erstes, als sein Interview an der Reihe ist. „Ich weiß noch, wie sonderbar es war, an letzten Tag des Filmes wieder in die normale Welt zurückzukommen. Wir hatten am Strand gedreht und gingen in ein Restaurant. Zum ersten Mal seit Wochen, noch mit Sand in den Haaren und versunken in der Welt von ‚Inherent Vice‘. Irgendwann fällt dann die Erschöpfung ab und du erwachst wie aus einer Trance. Es ist bittersüß. Einerseits bist du froh, wieder festen Boden unter den Füßen und eine Serviette auf den Knien zu haben. Dafür endet das einmalige Gefühl, in deiner Geschichte leben zu können. Vom Strand waren es nur einige Schritte. Doch wir liefen direkt aus den Siebzigern ins Jahr 2014″.
Inherent ViceAnderson ist 1970 geboren, dem Jahr also, in dem auch Pynchons Roman „Inherent Vice“ beginnt – und wie bei „Boogie Nights“ und „Magnolia“ ist Los Angeles hier wieder der heimliche Star. Doch wo die geografischen Koordinaten beständig bleiben und die filmgeschichtliche Nachbarschaft zu Robert Altman („The Long Goodbye“) nie näher war, plagen Privatdetektiv Larry „Doc“ Sportello (Phoenix) berechtigte Zweifel daran, immer festen Boden unter den Füßen zu haben.
Manchmal meint er, Gesprächspartner zu imaginieren auf der Suche nach einem verschwundenen Baulöwen. Er trifft Durchgeknallte im Dutzend, vom cholerischen Cop bis zum koksenden Zahnarzt. Unschön findet Sportello im Wunderland die Reise nur, als ihn Biker-Nazis in Ketten legen wollen. Die meiste Zeit aber folgt er so selbstverständlich bekifft bis unters Dach seiner Spürnase, dass ihn auch eine Ufo-Landung nicht aus der Fassung brächte.
Ein wenig habe er gar den anarchischen Geist der „Cheech & Chong“-Filme mitnehmen wollen und sehe „Inherent Vice“ am ehesten als Komödie, sagt Anderson, der freimütiger spricht als über frühere Filme. Ob bei Interviews zu „Boogie Nights“ oder „The Master“, stets verstummte der Regisseur merklich, wann immer der tip etwa die Wurzeln seiner vielen Vater-Sohn-Geschichten erfragen wollte. Heute ist Paul Thomas Anderson selbst vierfacher Vater und hat mit „Inherent Vice“ seinen ersten Stoff gewählt, der kein familiengleiches Verhältnis als Kernthema hat. Mehr noch: Anders als bei „There Will Be Blood“, als er aus einer obskuren Vorlage etwas völlig Originäres machte, ist „Inherent Vice“ eine so Pynchon-getreue Adaption, dass Andersons Stimme als Autor leicht überhört werden kann.
„Die Leute sagen, dass Pynchon unverfilmbar ist“, erklärt der Regisseur, „doch das stimmt ja nur, weil es bisher noch niemand versucht hat. Ich habe auch keine bewusste Entscheidung getroffen, es mir diesmal besonders schwer zu machen oder ein Experiment zu versuchen. Ich schreibe jeden Tag in der Woche für mindestens zwei Stunden. Zumeist eigenes Material. Doch als die Idee aufkam, es mit Pynchon zu versuchen, begann ich eine ganz neue Art des Schreibens. Er ist ein Meister der Sprache, von dem ich nur lernen kann – und das Gefühl des Lesens auf die Leinwand zu übersetzen, war elektrisierend, als wäre es mein erstes Drehbuch.“

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