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Rezension zu Ben Hopkins „Pazar: Der Markt“

Zehn Dollar ist Mitte der 1990er Jahre so ein Mil­liönchen Lira wert, doch was ließe sich damit nicht alles anstellen in Mihrams Heimatdorf im Osten der Türkei. Mihram ist Händler, bekannt dafür, alles zu beschaffen. Er kennt den Schwarzmarkt, die Schmugglertricks und kann so­gar ein Kabel noch mit Gewinn veräußern, das dem Käufer Tage zuvor vom Dach gestohlen wurde. Mihram, ein Verkaufsgenie, ein Schlitzohr. Und: ein Auslaufmodell, wie Ben Hopkins Tragikomödie über das Wesen des Handels erzählt.

Im relativ übersichtlichen Ost-Anatolien spielt seine Geschichte, doch selbst dort beginnen sich die Gesetze des Marktes zu verändern, beginnt sich Wirtschaft zu organisieren. Kleine Händler werden skrupellos geschluckt, Individualisten haben ausgedient. Der neue Verkäufertyp trägt Anzug und ein breites Grinsen wie der ölige Mustafa, hinter dem die Mafia steckt. Mihram soll für ihn arbeiten. Doch er macht lieber eigene Kasse, mag der Gewinn noch so schmal sein. Im aufkeimenden Mobilfunkgeschäft wittert Mihram endlich seine Chance. Doch dafür braucht er Grundkapital, das ihm ausgerechnet eine Ärztin zu­steckt, für die er Impfstoff besorgen soll.

Geschickt lässt Ben Hopkins, Regisseur von „Die neun Leben des Thomas Katz“ und „37 Uses for a Dead Sheep“ nun Moral gegen Profitgier antreten und seinen tragischen Helden an Alkohol und Glücksspiel leiden. Er stellt ihm einen larmoyant-schrulligen Onkel zur Seite, der allzu gern an die Familienehre appelliert, und eine genügsame Frau, die ihr zweites Kind erwartet. Reale Probleme bar jener fantastischen Momente also, mit denen Hopkins sonst ent­zückt. „Pazar“ fesselt dennoch: als sensible Milieustudie und sympathisches Roadmovie, das keine Zweifel daran lässt, dass sich selbst die kreativsten Glücksritter in den Fallstricken des Kapitalis­mus zwangsläufig verheddern.

Text: Cristina Moles Kaupp

Sehenswert 2

The Market Deutschland/Großbritannien/Kasachstan/Türkei 2008; Regie: Ben Hopkins; Darsteller: Tayanc Ayaydin (Mihram), Genco Erkal (Fazil), Senay Aydin (Elif); Farbe, 92 Minuten;
Kinostart: 27. November 2008

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