• Kino & Stream
  • „Peter Handke. Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte.“ im Kino

Dokumentarfilm

„Peter Handke. Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte.“ im Kino

Der Dokumentarfilm „Peter Handke. Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte.“ nähert sich einem komplizierten Schriftsteller an

Foto: Zero One Film
Foto: Zero One Film

Die Dokumentarfilmerin ­Corinna Belz macht es sich mit ihren ­Künstlerporträts nicht leicht. Nach dem Maler Gerhard Richter („Gerhard Richter Painting“, 2011) nun also der österreichische Schriftsteller Peter Handke. Beide nicht unbedingt ein­fache Gesprächspartner, eher wortkarg und auskunftsunwillig der eine, jedes Wort auf die Goldwaage legend der andere. Für ihr Richter-Porträt konnte sie den Maler immer­hin bei der Arbeit an seinen groß­flächig ab­strakten Gemälden beobachten, was ­Anknüpfungspunkte für Gespräche schuf: etwa über den Wahrheitsgehalt von Kunst oder die Ratlosigkeit vor der leeren Leinwand. Doch wie macht man das bei ­einem Schriftsteller?

Belz nähert sich Handke über seine private Umgebung, über den Alltag in seinem Haus in der Nähe von Paris. Der Dichter schnippelt Pilze: „Ist das nicht schön?“ Ja, das ist es, und es ist weit weniger banal, als es hier jetzt erscheinen mag. Denn Handke setzt seine analoge, kleinteilige Welt, in der man Zeit haben und mitbringen muss, gegen die hektische, technisierte Welt, die irgendwo anders stattfindet.

Natürlich schreibt Handke mit Bleistift und Papier. Schreibmaschine oder Computer, das geht nicht. Die Literatur selbst setzt Belz in Szene, indem sie Handke Auszüge seiner Texte lesen lässt, Seiten seiner engbeschriebenen Notizbücher filmt und überhaupt viel mit Schriften innerhalb des Bildes arbeitet.

Zudem hat Handkes Literatur schon ­immer einen engen Bezug zur Kinematografie gehabt: Nicht nur, dass er als Autor seit den späten 60er-Jahren immer wieder mit seinem Freund Wim Wenders zusammen­gearbeitet hat, er verfilmte auch einige seiner Werke selbst, darunter „Die linkshändige Frau“ und „Chronik der laufenden Ereignisse“. Aus letzterem stammt jene Frage, die Belz als die zentrale ­seines Schaffens ansieht: „Wie sollen wir ­leben?“ Handke spricht gern über das Kino, etwa über John Fords „Stagecoach“, Ozus „Die Reise nach Tokio“ und Antonionis „L’Eclisse“ – Filme, in denen die Abwesenheit von Handlung die eigentliche Handlung sei und sich der Plot beim Erzählen nicht in den Vordergrund schiebe. Eine gute Beschreibung, die auch zeigt, wie nahe sich Handke und Wenders in ihren Ideen und ästhetischen Prinzipien sind.

Nebenbei gibt es, sorgfältig eingeflochten, auch Biografisches über den Autor zu erfahren, beruflich wie privat: Handke, wie er 1966 ein Treffen der Gruppe 47 aufmischt, als er seinen Kollegen mit drastischen ­Worten Unfähigkeit vorwirft und mehr Reflexion in der Literatur fordert. Oder Handke als ­Familienmensch, erzählt anhand privater Polaroidfotos aus den 70ern. Und natürlich darf abschließend auch die Serbien-Kontroverse nicht fehlen, mit der Handke es in den vergangenen 20 Jahren immer mal wieder in die Schlagzeilen jenseits literarischer ­Zirkel geschafft hat, als er während des ­Balkankrieges den serbischen Nationalismus verteidigte und später eine Grabrede für Milošević hielt.

So richtig mögen sich Belz und ihr Film hier nicht zu einer Haltung durchringen, ein wenig erscheint es, als ob neben einer ­nostalgischen Verklärung des alten ­Jugoslawiens vor allem das vermeint­liche ­Betroffenheitsgedusel in den Medien Handkes Ansichten motiviert hätten. Ist die ­vermeintlich politische Haltung also in Wirklichkeit nur eine ästhetische? Denn ­Peter Handke weigert sich, betroffen zu sein. ­Zumindest damit hat er als Künstler ganz Recht: Aus Betroffenheit ist noch nie gute Kunst entstanden.

Peter Handke. Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte. D 2016, 89 Min., R: Corinna Belz, Start: 10.11.

Bewertungspunkte2

Mehr über Cookies erfahren