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Biografie-Essay

Der Schriftsteller Peter Wawerzinek verarbeitet in „Lievalleen“ eine schlimme Kindheit

Der 19. Dezember 1957, kurz vor Weihnachten, war der „Tag der Trennung“ im Leben von Peter Wawerzinek. Er war damals gerade einmal drei Jahre alt, seine Schwester Beate noch ein Jahr jünger, und die Mutter tat an diesem Tag etwas Ungeheuerliches: Sie ging einfach. Immerhin drehte sie noch das Wasser in der Wohnung in Rostock auf, verdursten sollten die Kleinen nicht, und sie wurden auch tatsächlich lebendig aufgefunden, gerade noch. Die Mutter war in den Westen gegangen, die Kinder kamen in Einrichtungen in der DDR

Foto: Steffen Sebastian

Seither steht das Leben von Peter Wawerzinek in einem bestimmten Zeichen: „Ich bin auf Einsamkeit eingestellt.“ Inzwischen ist er als Schriftsteller ziemlich bekannt, sein Roman „Rabenliebe“ (2010) erzählt von der Kindheit ohne Mutter. Er hat in der DDR und seit der Wende viel erlebt, aber die eine Geschichte lässt ihn nicht los. Wawerzinek hat nun einen Film darüber gemacht, was es heißt, wenn man als Kind so verlassen wird. So richtig wird man das wohl nie nachvollziehen können, aber der Dokumentarfilm „Lievalleen“ gibt doch ein beeindruckendes und auch erschütterndes Bild von diesem Schicksal.

Weggesperrt

Gemeinsam mit seiner Schwester Beate, von der er lange getrennt gewesen ist, begibt Wawerzinek an die „Verwahrungsorte“, an denen sie ihre Kindheit verbrachten. Beate macht kein Hehl daraus, dass sie „stinksauer“ ist. Stinksauer worauf? „Auf das ganze Leben.“ Sie hat es damals noch schlimmer erwischt als den Bruder, der irgendwann zu einer Adoptivfamilie kam, aber seinen Berufswunsch Wissenschaftler nicht erfüllen konnte. Beate wurde 15 Jahre in einer psychiatrischen Anstalt weggesperrt. Eine Zeugin aus diesen Jahren kann Wawerzinek auch noch vor die Kamera bitten, eine Frau, die damals einer Ersatzmutter am nächsten kam. Und Beate wirkt eigentlich recht ausgeglichen, wenn sie über ihre Erfahrungen spricht, oder wenn sie, nun schon in Pension, ihre ehemaligen Kolleginnen in einer Wäscherei besucht.

Die große Abwesende

„Lievalleen“ ist nicht nur ein Film über ein Trauma, sondern auch ein Zeugnis von einem zwar höchst erschütterten, aber doch nicht ganz zerstörten Lebensmut. Er beginnt nicht von ungefähr in einem „Gespensterwald“ mit Blick auf die Ostsee. Hier hat Peter Wawerzinek so etwas wie eine Heimat gefunden, hier lässt er auch die szenischen Erinnerungen und Fantasien spielen, die das ersetzen, was er mit seiner Mutter nicht erlebt hat. Die große Abwesende muss von einer Schauspielerin vertreten werden, denn eine Begegnung, zu der Wawerzinek „50 Jahre auf dem Weg“ war, eignet sich nicht dafür, dabei eine Kamera dabeizuhaben. Das wäre dann nämlich genau das Genre, das „Lievalleen“ (die Regie teilt sich Wawerzinek mit Steffen Sebastian) so klug vermeidet: das ist eben keine Reality-Inszenierung für eine Show im Privatfernsehen, sondern eine aufrichtige und reflektierte Verarbeitung einer persönlichen Katastrophe vor dem Hintergrund der historischen Katastrophe der deutschen Teilung. Es ist letztlich Wawerzinek selbst, der den Film (und vielleicht sogar inzwischen so halbwegs sich selbst) im Gleichgewicht hält: Er vertraut sich, nicht exhibitionistisch, sondern mitmenschengetrost, einem Publikum an, das ihm für diesen freimütigen Film nur danken kann.

Premiere: Volksbühne Berlin am 12.2., 20 Uhr

Lievalleen D 2019, 90 Min., R: Steffen Sebastian, Start: 13.2.

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