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„Philomena“ im Kino

Philomena

Philomena Lee (Judi Dench) ist eine nette alte Dame, sehr freundlich und eher harmlos. Ihr Geschmack ist an den sentimentalen Romanzen gebildet, die sie gerne liest, aus dieser Trivialliteratur ebenso wie aus ihrem katholischen Glauben bezieht sie einen Großteil ihrer durchgehend menschenfreundlichen Lebensweisheiten. Sie will niemandem etwas Böses. Ihr aber ist einst, vor einem halben Jahrhundert, Böses widerfahren: Als Teenager wurde sie unehelich schwanger, im streng katholischen Irland der 1950er-Jahre eine schwere Sünde, für die es keine akzeptable soziale Lösung gab, außer der Abschiebung ins Kloster. Dort versorgten hartherzige katholische Nonnen die jungen Mütter und ihre Kinder zwar, zwangen aber Erstere zu jahrelanger harter Fronarbeit, erlaubten ihnen täglich nur eine Stunde Kontakt zu ihren Babys und gaben diese dann im Kleinkindalter gegen den Willen der Mütter zur Adoption frei. Schlimmer noch, wie sich im Verlauf des Films herausstellt: Sie verkauften die Kinder gegen gute Dollars an wohlhabende Amerikaner.
Philomena hat später ihr Leben neu aufgebaut, war Krankenschwester, hat geheiratet, ist Mutter einer netten Tochter mittleren Alters. Den Sohn aber, der ihr vor bald 50 Jahren weggenommen wurde, konnte sie nie vergessen. Im Laufe der Jahrzehnte hat sie immer wieder im Kloster nach ihm gefragt, stieß aber nur auf Ausflüchte. Noch Jahrzehnte später, als die gesellschaftliche Ächtung von unehelichen Kindern und ihren Müttern längst Geschichte ist, weigern sich die Nonnen, Nachfragen vonseiten der damals zwangsgetrennten Familien zu beantworten.
PhilomenaDie Geschichte von Philomena Lee ist, wie so vieles aus dem Dunstkreis der katholischen Kirche, das heute ungeheuerlich anmutet, eine wahre Geschichte. Der Journalist Martin Sixsmith, der Philomena schließlich ein halbes Jahrhundert nach der unfreiwilligen Trennung bei einer gründlichen und systematischen Suche nach ihrem Sohn half, hat sie aufgeschrieben und 2009 als Buch veröffentlicht. Im Film wird er von dem bekannten Komiker Steve Coogan gespielt; er zeigt ihn als zynischen Medienprofi im Karriereloch, als jemanden, der vom Politikbetrieb gründlich ab- und zeitweise auch ausgestoßen ist, der aber trotzdem nur mit überlegener Verächtlichkeit auf eine solch emotionale und anrührende „Magazingeschichte“ herunterschaut, wie es die Suche von Philomena nach ihrem Sohn aus journalistischer Sicht ist.
Genau aus dem Aufeinanderprallen der leutseligen, wohlmeinenden Philomena, die jeden Ärger vermeiden möchte und selbst den bigottesten Nonnen noch mit Verständnis und Respekt begegnet, mit dem Zyniker Sixsmith, dessen Gerechtigkeitsempfinden ihn seinen Recherche-Job mit zunehmend persönlicher Entrüstung angehen lässt, zieht der Film einen beträchtlichen Teil seiner Qualität. Die Dialoge des vom Hauptdarsteller und Produzenten Steve Coogan verfassten Drehbuches sind scharf, präzise und oft witzig und spielen die so unterschiedlichen Charaktere in geradezu komödiantischer Weise gegeneinander aus. Die herausragend agierenden Hauptdarsteller machen sich aus diesen Reibungen geradezu ein Fest und bringen damit eine willkommene Leichtigkeit in das ansonsten bedrückende Melodrama.
PhilomenaVor allem aber bewahrt die unterschiedliche Sichtweise der beiden Hauptpersonen die Zuschauer davor, es sich moralisch allzu leicht zu machen. Zwar übt der Film einerseits handfeste Kritik an früheren Praktiken der katholischen Kirche und ihrer Institutionen sowie an der nach wie vor weitverbreiteten Weigerung, verübtes Unrecht aufzuarbeiten. Andererseits zeigt er mit Philomena eine gläubige Katholikin, für die die christliche Tugend des Verzeihens im Vordergrund steht, und die auch denen, die ihr Unrecht getan haben, mit Verständnis zu begegnen sucht. Dass der Film der Entrüstung, die die meisten von uns wohl intuitiv angesichts der erzählten Geschichte empfinden, dieses Verzeihen und Verstehenwollen gegenüberstellt, gibt ihm eine interessante moralische Vielschichtigkeit und bewahrt ihn davor, in allzu wohlfeiles Katholiken-Bashing auszuarten.
Die echte Philomena Lee ist übrigens mittlerweile 80 Jahre alt, kämpft nach wie vor für die Freigabe von Adoptionsakten in der irisch-katholischen Kirche und wurde jüngst von Papst Franziskus mit feinem Gespür für den symbolischen Akt zur Audienz empfangen.

Text: Catherine Newmark

Fotos: 2013 Pathe Productions Limited, British Broadcasting Corporation, British Film Institute and Philomena Lee Limited / SquareOne/Universum

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Philomena“ im Kino in Berlin

Philomena, ?Großbritannien 2013; Regie: Stephen Frears; Darsteller: Judi Dench (Philomena Lee), Steve Coogan ?(Martin Sixsmith), Sophie Kennedy Clark (Philomena, jung); 98 Minuten; FSK 6

Kinostart: 27. Februar

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