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„Pieta“ von Kim Ki-duk im Kino

Pieta

Die Bilder sind auf ihrer metaphorischen Ebene nicht leicht entschlüsselbar, aber in ihrer digitalen Rauheit haben sie eine machtvolle Direktheit, die Kims abstraktes Thema irritierend greifbar macht. „Ich glaube, dass der Kapitalismus in Korea oder Europa immer dominierender wird, etwas, das die ganze Gesellschaft berührt. Das Finanzsystem ist von den Spitzen bis in die Individuen eingedrungen, sodass die Leute auf eine andere Weise nicht mehr überleben können. Die Rezession, die wir in Korea genauso spüren wie Sie in Europa, hat Angst und bestimmte Fragen aufgeworfen. Deswegen hat mich diese Geschichte interessiert“, sagt der Regisseur einen Tag nach der Weltpremiere des Films auf den Filmfestspielen von Venedig. Kim ist zum Gespräch in einer legeren Variante seiner Asketenuniform erschienen, die auch in „Arirang“ zu sehen ist, darunter ein Che-Guevara-T-Shirt, das ihm ein Freund geschenkt hat.
PietaDas Motiv, das nur briefmarkengroß auf dem T-Shirt zu sehen ist, ist ein Zitat, kein politisches Statement, vergleichbar mit der Ikonografie seiner Filme, die Spielmaterial für assoziative Neuarrangements suchen und in neuen Maßstäben und Rekombinationen auch neuen Sinn gewinnen. Auch die katholischen Konzepte, die hinter den Titeln seiner beiden letzten Filme stehen, sind Zitate, die auf eine andere, größere Bewegung verweisen sollen. „Jüngere Filme wie Lars von Triers ‚Melancholia‘ oder Malicks ‚Tree of Life‘ thematisieren, was geschieht, wenn die Welt endet. Die Menschen setzen weniger auf den Kapitalismus und seine Lösungen als auf die Lösungen, die Religionen bieten: Es gibt eine Suche nach Vergebung. Das sehe ich als jüngere Entwicklung und deshalb wollte ich diese Aspekte in meinen jüngsten Filmen haben. Wenn man auf das Leben in kapitalistischen Gesellschaften blickt, dann kreist alles um Geld und unweigerlich um den Glauben daran und wie er verschwindet. Die Menschen glauben, dass es zu spät ist, um noch Lösungen von anderen zu erwarten, also wenden sie sich Gott zu. Das ist ein genereller Trend in unseren Gesellschaften, also auch in Korea, und das wollte ich in ‚Pieta‘ mit abbilden.“
Mit Direktton, ohne Musikuntermalung und mit großer Liebe zu hässlichen, urbanen Details inszeniert Kim in „Pieta“ einen Abgesang, der seinen wichtigen dritten Protagonisten, das Geld selbst, als mächtige, aber selbst stille Referenz der zentralen Handlung zeigt. Es steht im Mittelpunkt der absurd bescheidenen Glücksfantasien der Schuldner und motiviert die entseelten Handgriffe, mit denen der Kredithai die Hände der säumigen Zahler in die Drehmaschinen steckt. Body-Horror spielt in vielen Filmen Kims eine zentrale Rolle, aber angesprochen auf die unweigerlich selbst körperlichen Reaktionen im Publikum, das mit der sadistischen und sexuellen Gewalt seiner Bilder konfrontiert wird, verneint der Regisseur eine spekulative Absicht.
„Diese physischen Szenen sind keine reine Stilistik, keine Inszenierungsweise, die die Zuschauer irgendwie einschüchtern soll. Wenn ich mir solche Szenen ausdenke und später drehe, ist das nicht meine Intention. Ich glaube, dass das Leben selbst diese gewalttätigen Züge annimmt. Ich denke darüber nicht groß nach, wie die Zuschauer es sehen werden. Ich versuche nur zu zeigen, dass es Menschen gibt, die auf diese Weise leiden. Es geht mir weniger um die Darstellung von expliziter Gewalt. Ich will eher zeigen, welche impliziten Bedeutungen mit daran hängen.“
Die Lust an schmerzhaften Analogien, die „Pieta“ so leitet wie zuvor die Überdruck­metaphern von „Arirang“, führt zur Frage nach seiner Filmarbeit selbst. Wenn der Künstler Revolver bastelt, was sind dann seine Filme? „Für mich“, sagt Kim, „sind das Projektile. Sie müssen explodieren, losschießen. Ich habe das im Lauf meiner Filmarbeit begriffen. Ich wünschte, das Publikum würde wirklich von meinen Kugeln getroffen: Bang, Bang, Bang.“

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: MFA+ FilmDistribution e.K.

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Pieta“ im Kino in Berlin

Pieta, Südkorea 2012; Regie: Kim Ki-duk; Darsteller: Lee Jeong-jin (Kang-do), Jo Min-su (Mi-sun), Woo Gi-hong; 104 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 8. November

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Die Audiodatei des Interviews mit Kim Ki-duk können wir Ihnen – anders als in der Printausgabe angekündigt – aus technischen Gründen leider nicht zur Verfügung stellen.

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