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„Pieta“ von Kim Ki-duk im Kino

Pieta

In seinem Film „Arirang“ (2011), der als halbfiktives Home-Movie vom Leben eines Regisseurs in der großen Schaffenskrise erzählt, zeigt Kim Ki-duk in einer irren Mischung aus Selbstmitleid und Prahlerei die Trophäen seiner Filmkarriere. Silberner Bär („Samaritan Girl“) und Silberner Löwe („3-Iron“), Wettbewerbsteilnahmen in Cannes, Preise von der Internationalen Filmkritikervereinigung und viele mehr. Kim Ki-duk, der mit extrem schmerzhaften Parabeln aus dem koreanischen Universum auch gerne die Leidensfähigkeit seines Publikums (in „The Isle“ etwa mit Vagina-Dentata-Angelhaken) testet, war von einem unglaublichen Höhenflug abgestürzt. Die persönliche Krise hatte eine Episode bei Dreharbeiten ausgelöst, nach der sich Kim für den Beinahe-Tod einer Akteurin verantwortlich gefühlt hatte. Er zog sich depressiv zurück.
Seine narzisstische Aufarbeitung trug bei näherer Betrachtung charakteristische Züge seiner vorangegangenen Filme, die ein Amalgam aus westlichen und asiatischen Themen, aus griechischen Tragödienstoffen und buddhistischen Lehrstücken sind. Auch „Ari­rang“ funktionierte wie eine therapeutische Selbsterforschung, die allerdings nie etwas von Freud gehört hat. Kims Heilmethode bestand darin, sich selbst an der Drehmaschine erst diverse Espressomaschinen und später einen Revolver (zur Rache an untreuen Filmteammitgliedern) zu fabrizieren.
Pieta„Pieta“ ist der großformatige Film nach dem kleinen Essay (und einer Ablenkung, „Amen“, die geschwinde danach entstand) und er ist ein weiterer Befreiungsschlag, mit dem sich der Regisseur von seiner zuvor erstarrten Ästhetik löst. Angesiedelt ist er in einer Welt, die Kim selbst als junger Mann kennenlernte, als er in den Manufakturen des Cheonggyecheon-Industriebezirks von Seoul an den Drehmaschinen seinen Lebensunterhalt verdiente. Hier war eine der Brutkammern des südkoreanischen Wirtschaftswunders, aber die Zeiten der mechanischen Prosperität sind vorbei.
Die reale Krise dieser Region ist gemeinsam mit der Krise der Weltfinanzwirtschaft der Hintergrund für eine wahnwitzige Story, in der Kim katholische Gnadenmotive, ödipale Rachethemen und eine sehr brutale Variante des Geldeintreibens zusammenwirft. Auch die Idee der Pieta, in Michelangelos Skulptur im Petersdom zu ikonischer Größe stilisiert, leiht sich der Regisseur, auch wenn von Erbarmen im Film wenig zu spüren ist. Der junge Mann, der hier für ein Kreditbüro bei Handwerkern im Bezirk Schulden eintreibt, löst die zugehörigen Versicherungspolicen auf drastische Weise ein. Kang-do verstümmelt seine Opfer an Armen oder Beinen und befreit sie mit der damit fälligen Invalidenversicherung von ihren Schulden. Dass sie und ihre Angehörigen damit in einem Meer von Schmerzen ertrinken, kümmert ihn nicht – doch die negative Energie, die sich hier ansammelt, sucht nach Ableitung.
So ist auch die Frau im roten Kleid, die eines Tages aus dem Dunkel eines Hauseingangs tritt, vielleicht nicht wirklich seine verschollene Mutter, wie sie behauptet. In dem Spiel, das zwischen den beiden beginnt, ist nicht recht klar, wer das Opfer und wer bestimmender Akteur ist. Flauschige Tiere kommen zu Tode, Aale winden sich in die Fantasien der Protagonisten, ein Stück Fleisch aus dem Körper Kang-dos wird zu einem blutigen Kommunionsobjekt. Eine kranke Balance etabliert sich, die wieder kippt, als die Mutter offenbar von einer rachsüchtigen Person aus der Vergangenheit Kang-dos entführt wird.

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