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Animationsfilm

Pixars „Coco – Lebendiger als das Leben“ im Kino

Sympathische Skelette: Endlich haben die Animations-Cracks von Pixar mit „Coco“ wieder einen Originalstoff verfilmt – ein Treffen mit Regisseur Lee Unkrich und Produzentin Darla K. Anderson

Disney/Pixar

Seit Jahren befindet sich das Pixar-Studio in einem sanften, aber stetigen künstlerischen Sinkflug. Vorbei sind die Zeiten, in denen jeder Film der ­Animationsspezialisten aus Emeryville, Kalifornien überraschende Originalität, technischen Fortschritt und nicht zuletzt einen irrwitzig lustigen Humor versprach. Längst beugt man sich auch bei Pixar einer Logik, der alle US-Major-Studios – insbesondere der Pixar-Mutterkonzern Disney – momentan erlegen sind: dass man jede erfolgreiche Idee problemlos auch ein zweites, drittes oder viertes Mal ­verwerten kann. Ein größerer Teil der Pixar-Filme der letzten Jahre waren Sequels – alle nicht ­richtig schlecht, aber auch nicht wirklich gut.

Insofern kann man sich freuen, dass jetzt mit „Coco“ wieder einmal ein Original­stoff in die Kinos kommt, gedreht nach ­einer ­ursprünglichen Idee von Regisseur Lee Unkrich („Findet Nemo“, „Toy Story 3“), der gemeinsam mit der Produzentin Darla K. Anderson nach ­Berlin gekommen war, um seinen Film vorzustellen. Denn „Coco“ ist der interessanteste Pixar-Film seit „Alles steht Kopf“ (2015), und das schon allein deshalb, weil man sich hier auf eine neue kulturelle Sphäre mit neuen Figuren eingelassen hat.

Die Geschichte von „Coco“ kreist um die ­Bräuche am mexikanischen „Tag der Toten“, einem den verstorbenen Familienmitgliedern gewidmeten Feiertag, und katapultiert den 12-jährigen Musik-Affictionado Miguel vorübergehend in ein mopsfideles Jenseits, in dem sich Schicht für Schicht eine Stadt der Toten auftürmt, deren „Leben“ sich nicht sonderlich von dem auf der anderen Seite unterscheidet: genauso viele dramatische Probleme wie im Diesseits und eher mehr Party als ­weniger. Obwohl der Feiertag einer speziellen Kultur verhaftet ist, erkennt Darla K. Anderson doch einen universellen Appeal: „Das ist ­natürlich die Familie und unser aller Wunsch, dass man sich an uns erinnert.“

Sechs Jahre haben Unkrich, Anderson und ihre Mitarbeiter an „Coco“ gearbeitet, eine selbst für Animationsfilme lange Zeit. „Dies ist ein großer Film, da gab es viel zu tun“, erklärt ­Unkrich. „Umfassende Recherchen, das ­Erschaffen einer ganzen Welt mit vielen ­neuen Figuren, viele Massenszenen. Auch war die ­Geschichte von ihrer Struktur her nicht ganz einfach zu erzählen. Außerdem ist ‚Coco‘ der musikalischste Film, den Pixar je gemacht hat. Es mussten viele Songs geschrieben werden, die wir dann in Mexiko aufgenommen haben.“ Und Anderson ergänzt: „Da unsere Story auf einem realen Feiertag basiert, wollten wir in Bezug auf den kulturellen Hintergrund auch besonders genau sein.“

Was die beiden Filmemacher erst auf Nachfrage erzählen, ist, dass sie zwischenzeitlich mit einem ausgewachsenen PR-Desaster zu kämpfen hatten, als Disney versuchte, sich den Begriff „Día de los Muertos“ patentrechtlich schützen zu lassen. Prompt sah man sich mit einem empörten Aufschrei der mexikanischen Community in Kalifornien konfrontiert, die befürchtete, die Kulturimperialisten von ­Disney wollten ihnen ihren Feiertag stehlen. Laut Unkrich alles nur ein Missverständnis, das sich am Ende „als Segen entpuppte“. Denn als Folge engagierte man bei Pixar ein Heer von kulturellen Beratern und stellte den ­Beitrag des mexikanischstämmigen Ko-­Regisseurs Adrian Molina zum Film besonders heraus. Der sei aber schon vorher mit an Bord des Teams gewesen, betont Unkrich, zunächst als Storyboard Artist, schließlich als Ko-Autor, Verfasser der Liedtexte und Ko-Regisseur: „Er konnte bei allen kulturellen Fragen einfach immer auf seine Familie zurückgreifen und kam oft mit seiner Mutter zum Set.“

Der Tonfall von „Coco“ erscheint noch etwas ernster, als man es sonst von Pixar-Filmen gewohnt ist, was aber mehr an der Dramatisierung des Themas Erinnern und Vergessen liegt als an der Darstellung des Totenreichs: „Die Skelette haben wir so sympathisch wie möglich designt“, erklärt Unkrich. „Das sind einfach Leute, die zufällig Skelette sind. Ich wollte, dass sie eine Seele haben. Deshalb haben wir ihnen auch Augen gegeben, was ja im Grunde sehr seltsam ist.“

Grundsätzlich ist es Unkrich und ­Ander­- son aber daran gelegen, in einem auf ein Familienpublikum abzielenden Film die emotionale Intelligenz von Kindern nicht zu unterschätzen, auch mit den dunkleren Themen des Lebens umgehen zu können. „Vielleicht“, sagt Lee Unkrich, „liegt das auch daran, dass wir nie das Gefühl haben, Filme für Kinder zu drehen. Wenn ich das versuchen würde, würde ich furchtbar versagen. Ich habe keine Ahnung, was Kinder wollen.“

Coco USA 2017, 105 Min., R: Lee Unkrich, Adrian Molina, Start: 30.11.

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