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Pornfilmfestival-Leiter Claus Matthes im Gespräch

/Claus-Matthes____Pascale_Jean-LouisHerr Matthes, können sie etwas mit dem Begriff Arthouse-Porno anfangen? Feuilletonisten benutzen ihn sehr gern, wenn sie über Spielfilme sprechen, die expliziten Sex zeigen.   
Nein, nicht wirklich. Filmemacher versuchen gern, den Umstand zu verschleiern, dass sie Pornografie machen wollen. Dafür werden sich dann alle möglichen Bezeichnungen ausgedacht.

Am Ende wirken solche Bezeichnungen also immer bemüht?
Ja. Es gibt eben viele Versuche, sich von der kommerziellen „Schmuddelpornografie“ abgrenzen zu wollen. Letztendlich ist es aber unwichtig, wie das Kind heißt. Wichtig ist, dass der Film Spaß macht.

Sie haben also keine ansprechende Bezeichnung.
Nein.

Ist der „anspruchsvolle“ Porno für das heterosexuelle Publikum in dieser Hinsicht verkopfter als der Homoporno?
Nein. Aber ich gucke auch nicht so viele Heten-Pornos. Was wir fürs Festival zu sehen bekommen, ist oft queer. Der Heterobereich ist „stärker“ an der Kommerzialität eines Films orientiert. Natürlich haben Lesben und Schwule auch ein Interesse am Geldverdienen. Mit Schwulen-, Lesben- und Queerpornos wird man aber erst recht nicht reicht. Es verschiebt sich aber gerade ein wenig, weil im Mainstreamporno immer mehr Frauen die Hosen anziehen.

Geht es da um Feminismus?
Nein, die Geschichten werden wieder wichtiger. Aber das müssten sie eigentlich die Frauen fragen. (lacht) Doch ganz ehrlich, auch deshalb machen wir ja das Pornfilmfestival. Diese tradierte Norm, dass Frauen keine Sexualität haben und demgegenüber Kinder bekommen sollen, ist überholter Blödsinn. Frauen haben ganz einfach eine andere Sexualität als Männern. Es gibt andere Bedürfnisse. Ich finde es gut, wenn Frauen sich nicht wie Alice Schwarzer über die von Männern dominierte Pornografie ausschließlich beklagen, sondern neue Ideen entwickeln.

Ihr Festival eröffnet mit Christina Voros‘ Dokumentation „Kink“. Kink.com ist eine der bekanntesten BDSM-Webseiten der Welt. Mich erinnert vieles, das dort produziert wird, an die leidenschaftliche Dekadenz, die Pasolini in „Die 120 Tage von Sodom“ gezeigt hat. Was hat den Film für das Festival interessant gemacht?
Die Frage, warum BDSM momentan so boomt. Kink .com ist eine riesige Plattform mit vielen Unterlabels, von schwul über lesbisch bis trans und BDSM in allen Spiellagen. Christina Voros versucht mit der Doku zu ergründen, woher das zunehmende Bedürfnis kommt, ich sage das mal bewusst schlicht, sich den Arsch versohlen zu lassen.

Der Begriff „Fetisch“ hat vielleicht nie eine Randgruppe bezeichnet.
BDSM wird zunehmend salonfähig. Man traut sich heute, dazu zu stehen, nach der Arbeit zu einer Domina zu gehen. Wir haben vor einigen Jahren die Doku „Graphic Sexual Horror“ gezeigt, bei der man eins zu eins sehen kann, was bei SM-Sessions passiert. Man sieht, was Frauen vor der Kamera mit sich machen lassen.

Es geht um Macht …
Nein. Beim SM hat nicht der Master sondern der Sklave die Hosen an. Wenn es vernünftiger SM ist, bestimmt immer der Sklave, wo es lang geht. Das Beispiel ist vielleicht etwas klischeebelastet: Es gibt den Manager, der sich abends auf diese Weise fallen lassen will. Das bringt auch „Kink“ sehr gut rüber. Das alltägliche Leben erlegt einem viel Druck und Anspannung auf. In dem, wie man erzogen wird, Alltag und Normen auszuhalten, wird aber nicht mitgelehrt, wie man sich entspannt. Esoterisches Meditationsgehabe ist inzwischen etwas out. Vielleicht füllt BDSM da eine Lücke. Und hier ist es so: Wenn du keine Wahl hast, dich fallen zu lassen, dann erst lässt du dich fallen.

Bei „Graphic Sexual Horror“ hatte man aber schon das Gefühl, dass das Nachfragen in den Interviews mit den Darstellerinnen nicht so weit geht, wie die gezeigt Tortur. Man hat den Eindruck, dass es gerade bei BDSM Bereiche gibt, die nicht freiwillig sind.
In dem Moment ist man damit auch nicht einverstanden. Noch ein einfaches Beispiel: Beim Zahnarzt ist man mit der Spitze, die er einem verpasst, auch nicht einverstanden. Wenn hinterher das Loch weg ist und der Zahn nicht mehr schmerzt, findest du es schön.

Ich nutze das Wort Zwang also etwas begriffsstutzig?
Die ausschließlich negative Deutung des Wortes ist eine Form der Bigotterie. Die Gesellschaft behauptet auf der einen Seite, dass jeder tun kann, was er möchte. Aber das ist Augenwischerei. Wer kein Geld hat, kann mitnichten das tun, was er möchte. Tun was man will, kann man ohnehin nicht. Es gibt Regeln des Zusammenlebens. Aber der tägliche Trott ist ein extremer Zwang. BDSM bietet die Möglichkeit, sich hin zu geben. Die haben viele beim „normalen“ Sex ja nicht. In der heutigen Welt kämpfen viele mit einem Erwartungsdruck. Der fällt bei BDSM weg. Natürlich werden Grenzen ausgelotet, so wird ein Stopp-Wort vereinbart. Aber ab da ist man Empfangender und muss nicht darüber nachdenken, wie und ob man jetzt richtig agiert. Allein das kann beim Sex sehr entspannend sein.

Einblick in Programm: Das Festival in Kreuzberg feiert in seiner achten Ausgabe den kontrollierten Exzess.

Sie zeigen die Dokumentation „Outing“, die einen Mann mit pädophilen Neigungen porträtiert, ein seit der Bundestagswahl wieder ins öffentliche Leben gerücktes Thema.
„Outing“ wollten wir schon im letzten Jahr zeigen. Das wollten die Filmemacher aber noch nicht, weil sie ihn erst auf A-Festivals zeigen wollten. Mit der aktuellen Diskussion um die Grünen hat er aber weniger zu tun. In der allgemeinen Diskussion um Pädophilie gibt es ein großes Tabu und sie wird vielerorts recht verlogen geführt. Sexualität beginnt nicht erst mit 16. Da passiert schon sehr viel vor dem gesetzlich festgelegten Alter. Ich hätte es mir als Teenager gewünscht, dass mir jemand sehr genau sagt, was Sache ist. In meiner Schulzeit bestand Sexualaufklärung in der Erklärung, dass der erigierte Penis in die Scheide eingebracht werden muss, dann Sperma fließt und so ein Kind entsteht. Das war es. Es gibt diesen Film von Jan-Willem Breure, der bereits in seinem Titel fragt „Are All Men Pedophiles?“. Breure zeigt sehr eindrücklich, das Kinder ab einem gewissen Alter sexuelle Reizbilder herausbilden, die das ganze Leben über erhalten bleiben. Um es zu zuspitzen: Wenn dich ein junges Mädchen als Teenager anmacht, warum sollte das nicht auch mit 25 so sein? Man hat dann allerdings Erfahrung gesammelt, auf die man zurückgreift und die dazu führen, dass das Mädchen dennoch nicht interessant für dich ist. Den sexuellen Reiz kann man nicht wegtherapieren. Dagegen ist völlig klar – wenn sich jemand an Kleinstkindern vergreift, existiert eine psychische Erkrankung. Darüber braucht man nicht zu diskutieren.

Es geht im Diskurs aber um Macht, Mißbrauch und um das Schutzbedürfnis von Kindern.
Machtverhältnisse sind immer ambivalent. Man kann nicht einfach über einen Kamm scheren, nur weil der Erwachsenen theoretisch den Verstand haben müsste, nein zu sagen. Erwachsene sind, wenn sie sich an Kleinkindern vergreifen, oft selbst missbraucht worden. Neben dem sexuellen Missbrauch, der geschieht, werden Kinder oft zu absolutem Stillschweigen verpflichtet. Das ist ein Machtverhältnis, das offensichtlich so gut funktioniert, dass die missbrauchten Kinder es im späteren Erwachsenenleben häufig nicht schaffen, auf anderem Wege eine machtvolle Position zu erhalten, als dies zu wiederholen. Was in der öffentlichen Diskussion fast gänzlich ausgeblendet wird – es sind ja nicht nur Männer, die Kinder missbrauchen. Unsere Gesellschaft schweigt aktiv tot, dass auch Frauen so etwas tun. Darüber wird wenig und selten mit einem so großen Pathos, wie er bei Männern herrscht, gesprochen. Aber das Verlangen, sich an Kindern zu befriedigen, hat kein Geschlecht.

Der in Berlin ansässige Regisseur RP Kahl begleitet sie als Filmemacher bereits seit Jahren. In dieser Ausgabe haben sie ihn in der Sektion „Filmmaker in Focus“ herausgehoben. Was macht seine Arbeit so speziell?
Kahl ist, soweit ich weiß, der einzige, der sich im deutschen Filmbereich sowohl als Darsteller als auch Regisseur mit expliziter Sexualität auseinandersetzt. Andere europäische Länder wie Frankreich sind in dieser Hinsicht weiter. In diesem Jahr zeigen wir auch „Der Fremde am See“ von Alain Guiraudie, der sehr explizit und dazu ein sehr guter Spielfilm ist.

Haben sie mit den Jahren mehr Einreichungen bekommen?
Inzwischen werden Filme für unser Festival produziert, vor allem in Indie- und Kurzfilmbereich.

Gilt das auch für Deutschland?
Ja, es kommen sehr viele Filme aus der queeren Szene. Das liegt aber auch an der Zeit und den Möglichkeiten. Heute nimmt man sich sein Handy und bekommt einen relativ guten Film hin, was die Bildqualität betrifft. Man muss also kein Profi mehr sein, um sich im Pornobereich auszuprobieren.

Interview: Martin Daßinnies

Foto: Jean-Louis Pascale

Pornfilmfestival, 23.-27.10., Kino Moviemento    

www.pornfilmfestivalberlin.de

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