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„Pornografie und Holocaust“ im Kino

Pornografie und Holocaust

Auch die Erotisierung des Schrecklichen kann eine Art und Weise sein, mit einem Trauma umzugehen. Dies zeigt Ari Libskers Dokumentarfilm „Pornografie und Holocaust“, der sich einem der seltsamsten Phänomene des jungen Staates Israel widmet: den sogenannten „Stalag“-Heftchen, pornographischen Groschenromanen, die Anfang der 60er-Jahre in hoher Auflage verlegt und verkauft wurden. In ihnen ging es fast immer um vollbusige „SS-Offizierinnen“, die zwar nicht jüdische KZ-Insassen, aber immerhin alliierte Kriegsgefangene sadistisch quälen, bevor jene das Blatt wenden und ihre Nazi-Wärterinnen ihrerseits vergewaltigen und töten.
Dieses seltsame Genre kam pikanterweise genau zu dem Zeitpunkt auf, als in Jerusalem der Eichmann-Prozess lief und zum ersten Mal in Israel in einer breiteren Öffentlichkeit der bislang schamvoll verschwiegene Holocaust zum Thema wurde. Libsker beleuchtet das Phänomen, indem er Historiker, Sammler, Zeitzeugen, Autoren und Verleger von damals interviewt. Dabei wird auf eindringliche Art und Weise deutlich, wie schwer sich Überlebende und Nachgeborene im jungen Staat Israel mit der Vergangenheit taten.
In einem zweiten Teil erweitert Libsker sein Thema und lenkt den Blick auf ein literarisches Phänomen, das er als möglichen Vorläufer der „Stalag“-Heftchen ausmacht: die Bücher des Auschwitz-Überlebenden Yehiel Feiner, der unter dem Pseudonym „Ka-Tzetnik“ in den 50er-Jahren mehrere quasi-historische Holocaust-Romane verfasste, die alle ebenfalls eine Tendenz zur Erotisierung der Vernichtung haben; der berühmteste ist „Das Haus der Puppen“, der von jüdischen Zwangsprostituierten in Auschwitz handelt. Im Unterschied aber zu den Groschenromanen werden Feiners Werke auch heute noch gelesen. Das Erinnern in Klischees – die jüdische Zwangsprostituierte, der sadistische SS-Offizier – ist, so zeigt Libskers Film nachdrücklich, nichts als eine weitere Form der Verdrängung, die weder der Geschichte noch den Opfern gerecht wird.

Text: Catherine Newmark

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Pornografie und Holocaust“ im Kino in Berlin

Pornografie und Holocaust (Stalags), Israel 2008; Regie: Ari Libsker; 63 Minuten;

Kinostart: 30. Dezember

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