Kino & Stream

„Precious“-Regisseur Lee Daniels im Gespräch

tip In Europa trifft der Film auf ein anderes Publikum. Am Rande des Cannes-Festivals haben Sie erklärt, es wäre Ihnen peinlich, „Precious“ hier zu zeigen. Was meinten Sie damit?
Daniels Als ich den Film fertig hatte, machten wir ein Screening für 400 afroamerikanische Zuschauer, ich mittendrin – und es war eine wilde Erfahrung. Es gab da das Gefühl, dass wir etwas verstehen, lernen, daran wachsen können. Aber es gab schon die Frage, was passiert, wenn man es dem Rest der Welt zeigt. Ob das etwas für Weiße ist. Es schien so privat. Ich hatte das Gefühl, ich wäre nackt und würde mich vor der Welt zeigen.

tip Sie haben sich bei der Europa-Premiere mit einer gutgelaunten Selbstcharakterisierung vorgestellt: „I’m a little euro, a little homo and a little ghetto.“ Können Sie das ein wenig näher erläutern?
Daniels Na ja, ich bin schwul, das macht mich „homo“, ich bin aus dem Ghetto, das macht mich „ghetto“, und ich liebe Europa und in Europa zu sein. Meine Sensibilität ist europäisch, schwul und ghetto.

tip Wie wichtig ist für „Precious“ dieser Ghetto-Bezug, den Sie für sich reklamieren? Meinen Sie, dass das Ihrem Projekt eine größere Glaubwürdigkeit verleiht?
Daniels Ja, weil es die Wahrheit ist. Und jeder, der den Film sieht, kann diese Wahrheit fühlen.

tip „Precious“ bringt Melodrama, surreale Extravaganz, dunk­le Komödie und Horrortöne zu­sammen. Zugleich haben Sie Elemente reduziert, die in der Vorlage noch drastischer sind – in der Darstellung des Missbrauchs etwa. Wie weit wollten Sie im Film gehen, wie weit konnten Sie gehen?
Daniels „Push“ ist X-rated, man kann den Film nicht so erzählen, wie das Buch geschrieben ist. Ich glaube auch, dass man als Zuschauer zwischendurch atmen können muss, also haben wir in den Film Fantasiemomente integriert, die es im Buch nicht gibt. Der Film ist nicht so hart wie das Buch.

tip Sie haben eine erstaunliche Besetzungsliste, die die New­comerin Gabourey Sidibe mit Profischauspielerinnen wie Paula Patton und Comedy- und Musikstars vereint: Mo’Nique, Mariah Carey und Lenny Kravitz. Wie sind Sie auf diese Casting-Idee gekommen?
Daniels Ich weiß nicht, es war eine Kombination aus Freunden und … Freunden. Mit Kravitz und Carey bin ich befreundet, auch mit Mo’Nique, mit der ich bei einem anderen Film schon gearbeitet habe. Es war eine bizarre Kombination von Friends & Family, die da zusammenkam. Und Gabourey Sidibe: Wir haben wirklich viele Schauspielerinnen für die Rolle vorsprechen lassen. Sie war ein Glücksfall, der dazukam.

Interview: Robert Weixlbaumer

Foto von Lee Daniels: Renaud Corlouer 

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Precious“ im Kino in Berlin

zurück | 1 | 2

Mehr über Cookies erfahren