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„Precious“-Regisseur Lee Daniels im Gespräch

Lee Danielstip Mr. Daniels, Ihr Film „Precious“ erzählt von der Emanzipation einer physisch und psychisch missbrauchten 16-jährigen Analphabetin aus Harlem. Beim Cannes-Screening von „Pre­cious“ haben Sie das Publikum eingeladen, auch herzlich zu lachen. Warum diese explizite Aufforderung?
Lee Daniels Ich denke, man darf es nicht zu ernst nehmen. Wenn man sich die Geschichte allzu sehr zu Herzen nimmt, dann hat man ein Problem. Wir wollten uns selbst nicht zu ernst nehmen, sonst wäre es ein langweiliger Film. Aber abgesehen davon: Man darf lachen. Wenn man die Kurzzusammenfassung der Geschichte hört, ist man ohnehin erschrocken: übergewichtiges schwarzes Mädchen, vom Vater vergewaltigt, HIV-positiv. Die ers­te Reaktion ist: Ahhh, in was für einen Film gehe ich denn da hinein?! Aber in „Precious“ gibt es auch Humor.

tip Haben Sie Angst, dass die Zusammenfassungen des Plots wie Kassengift wirken?
Daniels Ja.

tip Ihr Film hat zwar realistische Züge, aber er ist dennoch alles andere als eine realistische Darstellung des Lebens eines schwan­geren Teenagers aus Harlem. Wie der Roman „Push“ erscheint er mir als Symbol­geschichte afroamerikanischer Tragödien des 19. und 20. Jahrhunderts. Was sehen Sie selbst darin?
Daniels Die Geschichte eines Triumphs. Die Geschichte, sich selbst zu lieben. Das Licht zu sehen nach einer sehr, sehr dunklen Zeit.

tip Aber ist Precious für Sie eine allegorische Figur, die für die Afroamerikaner stehen soll?
Daniels Sie ist eine Botschaft der Hoffnung für jeden, der den Film gesehen hat.

tip Hatte Sapphire Vorbehalte in Bezug auf das Projekt?
Daniels Sie hatte Vorbehalte, war dann aber, als es losging, begeis­tert. Aber es hat mich neun Jahre gekostet, um die Rechte für die Verfilmung von ihr zu bekommen. Sie hat unseren ersten Entwurf gelesen, ein paar Anmerkungen gemacht und schien glücklich zu sein. Aber man weiß ja nie, bis das endgültige Ergebnis da ist. Und als sie den Film sah, weinte sie in meinen Armen.

tip Der Film ist ein spektakulärer Erfolg in den USA. Sie haben zahlreiche Preise dafür bekommen, und es gab viel Lob in den Feuilletons. Es gab allerdings auch harsche Kritik von afro­amerikanischen Kommentatoren. Der Vorwurf war, dass der Film rassistische Stereotype reproduzieren und bestärken würde. Was sagen Sie dazu?
Daniels Die meisten unserer Zuschauer waren Afroamerikaner. Aber es wird immer Afroamerikaner geben, die kein Licht auf die Wahrheit werfen wollen. Wir sind einen so weiten Weg gegangen, und wir wollen manchmal nicht an all das erinnert werden. Aber ich glaube nicht, dass man als Gruppe oder als Person wachsen kann, wenn man die Wahrheit nicht sucht, anspricht und von da aus weitergeht. Wir Afroamerikaner hoffen alle Barack Obama zu sein oder Oprah Winfrey –, aber in diesem Streben vergessen wir die Preciouse dieser Welt. Wir wollen da mit voller Absicht nicht hinsehen. Aber ich will dieses Mädchen nicht vergessen. Das ist die Schönheit dieses Mädchens – dass es uns da­ran erinnert, woher wir kommen.

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