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Produzent Stefan Arndt über die Oscars

Liebe_von_MichaelHanekeEin sonniger Februar-Vormittag an der Kurfürstenstraße. Stefan Arndt, Produzent und Ko-Eigentümer von X Filme Creative Pool, sitzt am Laptop zwischen Papierstapeln, an den Wänden hängen und lehnen Filmplakate, auf einem Fensterbrett stehen zahlreiche Auszeichnungen. Die Liste der Preise, die er und seine Projekte bekommen haben, wird momentan dank Michael Hanekes „Amour“ stetig länger; Arndt hat den Film zusammen mit der Französin Margaret Mйnйgoz und den Österreichern Veit Heiduschka und Michael Katz produziert. „Amour“ (Foto) erhielt bereits die Goldene Palme in Cannes, zahllose Kritiker- und Fachpreise und einen Golden Globe, mindestens so viele Auszeichnungen wie „Das Weiße Band“, die letzte Zusammenarbeit mit Haneke. „Vielleicht auch schon mehr“, sagt Arndt nicht unzufrieden. Nur ein Preis fehlt noch: Wenn am 24. Februar im Dolby Theatre in Los Angeles die Auszeichnungen der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die Oscars, verliehen werden, ist „Amour“ einer der Favoriten.

Lange war das internationale, nicht englischsprachige Kino bei den Academy Awards ein wenig das Kellerkind. Ab 1947 wurden an ausländische Produktionen zunächst „Ehren-Oscars“ verliehen, erst 1956 wurde die Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ eingeführt. Das war und ist nicht immer unproblematisch. Eine Vorauswahl treffen jeweils nationale Filmorganisationen, in Deutschland ist das „german films“, als internationaler Marketing-Arm von Produzenten und Filmfördereinrichtungen. Unbequeme Filmkünstler und Einzelgänger ohne Branchenanschluss haben es da schwer. Jedes Land kann nur einen Film einreichen, Deutschland hatte diesmal Christian Petzolds „Barbara“ vorgelegt. In die Endauswahl der Academy schafften es aber nur „No“ aus Chile, „Kon-Tiki“ (Norwegen), dazu noch zwei Filme aus dem Berlinale-Wettbewerb 2012, „Die Königin und der Leibarzt“ (Dänemark) und „Rebelle“ (Kanada). Und, für Österreich, „Amour.“

Vor der Endauswahl fängt die Oscar-Bürokratie an. „Irgendwann erhält man eine freundliche, aber auch sehr deutliche Mail von der Academy mit einem achtseitigen Fragebogen“, erklärt Stefan Arndt. „Da geht es darum, was man als Produzent an dem Film gemacht hat: Wer hat wirklich daran gearbeitet, wer hat sich nur mit Geld oder Macht einen Credit erschlichen?“ Arndt redet über die Academy und Hollywood mit fasziniertem Interesse, wie da Filme und Geschäfte gemacht werden, verbindet nur wenig mit seiner Arbeit. „In den USA hat ein Produzent als Angestellter eines Studios nichts mit der Finanzierung des Projekts, dem Vertrieb, der Vermarktung zu tun“, sagt Arndt, „da ist er lediglich der Begleiter einer Produktion, der nur ununterbrochen neben der Kamera steht, um einen autoritär an die Kandare genommenen, weisungsgebundenen Regisseur zu kontrollieren.“ Und er fügt an: „Bei einem Regisseur, dem ich hundertprozentig vertraue, bin ich vielleicht drei, vier Mal bei den Dreharbeiten am Set. Alles andere fänd ich albern.“

Arndts Vertrauen in „Amour“ und Michael Haneke scheint berechtigt, das unt erstreicht auch die Academy. Denn „Amour“ ist bemerkenswerterweise nicht nur als „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert: Außer Hauptdarstellerin Emmanuelle Riva und Michael Haneke (für Drehbuch sowie Regie) ist „Amour“ neben US-Produktionen wie „Zero Dark Thirty“ oder Spielbergs „Lincoln“ auch als „Bester Film“ im Rennen. Eine derartige Doppel-Nominierung gab es noch nie. Stefan Arndt freut sich über die Nominierungen, bleibt aber pragmatisch. Und etwas amüsiert. „Wir sind alle total eitle Säcke, natürlich freut man sich“, sagt er. „Und bis zur Nominierung ist alles sehr fair: Fünf oder sechs Filme stehen da auf einem Level, die im Prinzip alle toll sind, auch wenn sie untereinander völlig unvergleichbar sind.“

Jetzt in Los Angeles die Werbetrommel für „Amour“ zu rühren, liegt ihm nicht. „Von Ende November bis zur Verleihung ist eigentlich Highlife in Hollywood, da gibt es jede Woche zwei, drei Events, bei denen man auftauchen sollte“, meint er. „Aber das ist nicht meine Art. Ich mache und gestalte Filme, ich bereite sie vor, das ist mein Beruf. Und es würde meine Chancen und die des Films auch kaum steigern, wenn ich jetzt ständig in Hollywood wäre.“ Arndt hat auch keine Dankesrede vorbereitet, falls „Amour“ in der Kategorie „Bester Film“ gewinnen sollte. Seine Kollegin Margaret Mйnйgoz habe diesmal die meiste Arbeit gemacht, bei einem Sieg würde sie auf der Academy-Bühne sprechen.

Die Preisverleihung selbst hat Arndt, der vor drei Jahren mit Michael Haneke und „Das Weiße Band“ nominiert war (und dem argentinischen Film „In Ihren Augen“ von Juan Josй Campanellas unterlag), in eher schlechter Erinnerung. „Wenn man bei der Oscar-Verleihung dabei ist, will man nach spätestens zwei Dritteln der Show raus, weil da eine schwere Depressionswolke im Saal hängt“, meint Arndt. „Die jeweiligen Gewinner gehen nach der Preis-Übergabe raus, machen Presse, trinken was oder so. Die anderen vier Nominierten, sozusagen die Verlierer, müssen mit ihren zehn Begleitern drinnen sitzen bleiben.“

Das gehört wohl zum Geschäft. „Ich bin wirklich froh über diesen „Academy Award Nominee“-Titel, das wird mir bei zukünftigen Projekten helfen. Nur darum geht es bei den Oscars“, sagt Arndt. Und er fügt lachend hinzu: „Wenn ein Film ganz schlecht wird, kann ich in den Trailer jetzt immer noch reinschreiben: Produziert von Academy-Award-Nominee Stefan Arndt.“

Text: Thomas Klein

Foto: X-Verleih

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