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„Prometheus – Dunkle Zeichen“ im Kino

Prometheus

Vor Schreck könne es zu Ohnmachtsanfällen kommen, hieß es warnend. Mehr wusste das umständlich verkabelte Testpublikum nicht, als die Wirkung des „neuen Schockers aus Amerika“ gemessen wurde. Dann wurde es dunkel, John Hurt beklagte Bauchweh, die Herzschlagfrequenz der Leute geriet zum Trommelfeuer – im Herbst 1979, bei der ersten Attacke von „Alien“ auf ein deutsches Publikum.
Über dreißig Jahre später kann man nun wieder mit pochendem Puls einer Figur zusehen, die vom Dilemma überrascht wird, eine aggressive Lebensform im eigenen Leib zu tragen. Es ist die spannendste, auch cleverste Sequenz von „Prometheus“, dem erst dritten Science-Fiction-Film von Ridley Scott nach „Alien“ und „Blade Runner“ (1982). Reduziert auf eine Person auf engem Raum, deren Angst auf uns übergreift, während die Bilder ein grausiges Detail nach dem anderen enthüllen. In diesen Minuten puren Thrills ist „Prometheus“ dem Mutterschiff „Alien“ nah wie nie. Nicht nur als thematische Referenz. Sondern weil einem der Film hier endlich an die Gurgel geht – während er einem sonst oft nur in den Ohren liegt.
Prometheus„Alles läuft auf die Frage hinaus: Gott oder kein Gott?“, fasst Ridley Scott die Mission „Prometheus“ zusammen, als er kurze Interviews am Rande der Weltpremiere in London gibt und geduldig seine Rückkehr ins Genre erklärt. Permanent habe er all die Jahre nach Sci-Fi-Stoffen gesucht, so Scott, und direkt nach „Blade Runner“ beinahe den futuristischen Roman „The Forever War“ von Joe Haldeman verfilmt. Auch das ein Film mit langem Anlauf – „zufällig wurden die Rechte erst vor Kurzem frei, sodass ich den Stoff nach ‚Prometheus‘ nun wieder als Kinofilm vorbereite“ – und ein weiteres Projekt, auf das bald die Fanliebe überschwappen dürfte, wie jetzt bei „Prometheus“. Die Hoffnung auf ein kalkulierbares Meisterwerk stirbt eben immer zuletzt. Der 74-Jährige weiß um dieses kollektive Sehnen – und füttert es. Man vergisst manchmal, dass der Veteran unter Hollywoods Weltenschöpfern aus der Werbung kommt. Jahrzehnte hat er gelernt, Talent und Ideen zu verkaufen, anzupreisen, notfalls aufzublasen. Kein selbstkritischer Gedanke reflektiert die Phase zwischen „Thelma & Louise“ und „Gladiator“, als er ein paar fade Filme lang sein Publikum verfehlte. Vielmehr ist Scott extrem loyal zu seinen Arbeiten – und grinst nicht, wenn man über „G.I. Jane“ oder die Altherren-Plänkelei „Ein gutes Jahr“ witzelt. „Ich habe an jeden meiner Filme geglaubt und tue es immer noch“, sagt er.
„Der Job wird ein Teil von dir, wenn du ihn richtig machst“, erklärt Scott weiter, „und dann beschützt du deine Ideen wie Babys, damit sie in Ruhe wachsen können. Manchmal weit über eine Premiere hinaus wie bei ‚Blade Runner‘, den anfangs kaum jemand verstand. Ich bin nun schon so lange dabei, dass ich während des Inszenierens nicht mehr bewusst plane, sondern es einfach tue: Den verdammten Film drehen, das ist immer hart. Aber ich weiß genau, was ich will und wie ich es bekomme, sobald ich erst mal am Set stehe. Ich brauche auch nicht viele Proben, ich ziehe in Szenen die frische Energie der Schauspieler vor. Das funktioniert nur mit einer starken Idee. Jeder im Team muss daran glauben, einen ganz besonderen Film zu drehen, dann fließt die Kreativität von allein.“
PrometheusDie starke Idee von „Prometheus“ ist nichts weniger als die Ursprungsfrage. Nach dem Sensationsfund außerirdischer Zeichen auf Erden ist eine Expedition mit tiefgefrorener Besatzung unterwegs, um auf einem fremden Planeten nach Leben zu suchen. Die Signale entpuppen sich als Falle und bald wird die Crew in dunklen Ecken sukzessive von schrecklichen Wesen dezimiert. Es gibt eine sehr starke Frau (Noomi Rapace), einen undurchschaubaren Androiden (Michael Fassbender) und eine Notkapsel, falls das Schiff explodieren sollte. Kurz: „Prome­theus“ folgt als Genrefilm so sklavisch der Struktur des „Alien“-Universums, dass es jedem anderen als geistiger Diebstahl ausgelegt worden wäre.
Doch Scott hat sich vor über zwei Jahren in den Kopf gesetzt, dass „Prometheus“ der Start in „eine originäre Welt“ sei. Geboren aus den Genen von „Alien“, okay, aber im Grunde völlig losgelöst vom zerfransten Krabbelviecher-Franchise. Je länger man Scott lauscht, in dessen wasserblauen Augen trotz Altersmilde gern die Angriffslust funkelt, desto klarer wird, dass ihn inzwischen mehr die Science als die Fiction motiviert. Er zerbricht sich den Kopf ob der „mathematischen Unmöglichkeit, dass wir heute überhaupt hier sitzen, denn etwas wie die menschliche Evolution der letzten 75?000 Jahre, nachdem der Planet drei Milliarden Jahre existierte – das ist zu groß, als dass man es ignorieren könnte. Und mit offenem Horizont muss man da­rüber nachdenken, ob wir nicht Hilfe bekamen, um uns als Spezies so schnell zu entwickeln, dass wir heute zum Mond fliegen.“

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