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„Puppe, Icke & der Dicke“ im Kino

Puppe, Icke & der Dicke

So richtig rund läuft es nicht für Bomber, einen Kurierfahrer aus Berlin: Er verliert nach nur fünf Monaten seinen Job und scheitert kläglich bei dem Versuch, die letzte Lieferung privat in Paris zu verscherbeln, während seine Untermieterin in der Zweizimmerwohnung Punkrock-Konzerte veranstaltet. Obendrein scheinen seine Chancen auf dem Liebesmarkt direkt proportional zu seiner sehr bescheidenen Körpergröße. Auch die Mitreisenden, die sich auf dem Rückweg aus Frankreich dazugesellen, deuten eher auf Fortsetzung der Pechsträhne. Und doch machen der stumme Dosenbiertrinker Bruno und die hübsche, blinde Europe die Reise zu einem Selbsterfahrungsstrip, wie es sich für ein solides Roadmovie gehört. Bomber wird weniger gespielt als verkörpert von Tobi P., der sich schon durch seine – wie er selbst sagt – „Visage“ zu einer filmischen Figur qualifiziert: Typ großmäuliger, sozial wenig trittsicherer Kleinkrimineller der Berliner Subspezies. Die Erzählung klebt dabei ein wenig zu sehr an ihm und dem restlichen handverlesenen Personal und schwächelt in der dramaturgischen Langstrecke.
Doch auch wenn man „Puppe, Icke & der Dicke“ gelegentlich die bewährte Pollesch-Parole „Kill your Darlings!“ zurufen möchte, gelingen Felix Stienz in seinem Langfilmdebüt subtiles Timing und alltagswahre Komik. Es wird Gas gegeben und manche Kurve haarscharf genommen, aber das Ergebnis ist insgesamt vergnüglich, pointiert durch die konsequent skurrile szenische und musikalische Ausstattung – sicher einer der Gründe, warum der Film beim Max-Ophüls-Festival mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde. Die altmodischen Tankstellen und mittelbundesrepublikanischen Provinzraststätten sind kleine Kaurismäki-Theater in warmem Licht, bevölkert von kauzigen Romantikern. Europa ist in diesem Film ein verwirrender Ort, in dem man zwischen Berlin und Paris im Kreise fährt und immer wieder an denselben drei, vier Schauplätzen herauskommt. Mit einer blinden Reisegefährtin, die Europe heißt, von einer Griechin gespielt wird und mit ihrem deutsch-französischen Kind der Liebe im Bauch ein neues Leben in Berlin anfängt. Allegorisch? Och nee, lass ma.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Stefan Höderath / Strangenough Pictures / One Two Films

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Puppe, Icke & der Dicke“ im Kino in Berlin

Puppe, Icke & der Dicke, Deutschland 2011; Regie: Felix Stienz; Darsteller: Tobi B. (Bomber), Stйphanie Capetanides (Europe), Matthias Scheuring (Bruno); 90 Minuten; FSK 6

Kinostart: 22. November

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