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„Putty Hill“ im Kino

Putty Hill

Cory ist an einer Überdosis Heroin gestorben, mit Mitte 20. In „Putty Hill“ sehen wir die Welt, in der Cory zu Hause war. Es sind Verwandte, jugendliche Freunde, Bekannte aus der weißen Unterschicht Baltimores, Leute, die Cory aus Putty Hill kannten – so heißt der suburbane Kiez am Rand der Stadt, in dem die nahe Natur schon längst auf die vorstädtische Infrastruktur übergegriffen hat. So wie der städtische Raum in Matt Porterfields zweitem Film (nach „Hamilton“ von 2006) nur noch in einer fragmentierten, wie aufgegeben aussehenden Schwundform zu erkennen ist, so porös, unbestimmt und vage wirken auch die Auskünfte der Menschen über sich, ihr Leben, ihre Erwartungen und ihre Beziehungen zu Cory. Es ist der Regisseur selbst, der aus dem Off die meist jugendlichen Figuren von „Putty Hill“ nach ihrem Verhältnis zu Cory befragt. Nicht nur in solchen Momenten wird die Grenze zwischen Dokumentar- und Erzählfilm sacht durchkreuzt.
Müde, erschöpft, fast teilnahmslos klingen die meisten der Antworten. „Putty Hill“ ist ein impressionistischer, sehr offen gestalteter Film über den Tod und das Leben, in den immer wieder Abschweifungen und scheinbar verquere Elemente eintreten. So wie die fragende Stimme des Regisseurs aus dem Off oder ein plötzlich angestimmter Countrygesang am Küchentisch der trauernden Familie. Der Film gehört in den neueren US-amerikanischen Independent-Zusammenhang. Gedreht wurde er in nur zwölf Tagen mit professionellen Darstellern und Laien. Die oft lang anhaltenden, fragmentarisch skizzierten Szenen strahlen eine fragile Lebendigkeit und Unbestimmtheit aus. In ruhigem, behutsamem Rhythmus und mit atmosphärisch dicht nach vorn gemischten Naturgeräuschen entfaltet Porterfield nach und nach das Stimmungsbild eines Lebenszusammenhangs, welches weit über eine „White Trash“-Sozialstudie hinausgeht, indem es ein ebenso großes Interesse für die Wirkungen von Farben, Räumen und Licht zeigt. So kann der Kamerablick bei der skizzenhaften Beobachtung eines Tätowierers bei seiner Arbeit irritierend lang auf den opak-sprunghaften Lichtreflexen auf der Wand verharren, ohne dass sich der Verdacht aufdrängt, dass man es hier mit prätentiösem Manierismus zu tun hat. Bisweilen wirkt das so, als hätten sich der Regisseur und seine Figuren gegen die Zurichtungen einer klassisch erzählten Geschichte immunisiert. Porterfields Regie hebt gegenüber der Dramaturgie eine fast widerständige Autonomie der Räume und Menschen hervor, die in „Putty Hill“ einen Bezug zur Welt preisgeben, den keine zielstrebig vo­ranschreitende Geschichte aus ihnen herauspressen könnte.

Text: Michael Baute

Foto: Andrew Laumann

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Putty Hill“ im Kino in Berlin

Putty Hill, USA 2009; Regie: Matt Porterfield; Darsteller: Sky Ferreira (Jenny), Zoe Vance (Zoe), James Siebor Jr. (James); 87 Minuten; FSK k.?A.

Kinostart: 29. September

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