Kino & Stream

Queer Cinema auf der Berlinale 2010

Ein Coming-out vor einer mehr oder weniger normalen italienischen Familie ist dieser Tage kein großes Ding. Sollte man meinen. In „Mine vaganti“ traut sich Tommaso dennoch nicht, seinen Vater mit der Wahrheit zu konfrontieren. Erst recht nicht, nachdem der Kopf eines Fabrikantenclans in Apulien schon das Coming-out des älteren Bruders kaum verkraftet hat. Man lebe doch im Jahr 2010, mahnt der römische Freund. Aber die Zeiten rund ums Jahr 2000 seien eben leider auch vorbei, kontert der Zauderer. Die Offenheit, die noch die Neunziger prägte, scheint verflogen; um sich außerhalb der Metropole Rom als schwul zu bekennen, bedarf es Mut. Davon erzählt Ferzan Ozpetek („Hamam – Das türkische Bad“). Er tut es mit den Mitteln der Komödie: ironisch und oft grotesk überzeichnet. Da er die Hauptrolle zugleich mit Italiens Frauenschwarm Riccardo Scamarcio besetzt hat, zielt „Mine vaganti“ erkennbar auf das Main­stream-Publikum ab.
Auch in anderen Filmen des Panorama erinnern sich Regisseure wehmütig an wichtige Aufbruchzeiten des Gay-Rights-Movement: In „Hazman Havarod (Gay Days)“ etwa lässt Regisseur und Journalist Yair Qedar die rasante Entwicklung schwul-lesbischen Selbstbewusstseins in Israel Revue passieren. In einer Chronik aus Interviews, Archivmaterial und Ausschnitten aus queeren Filmen dokumentiert Qedar die Stationen des überraschend schnellen Befreiungszuges quer durch Israels öffentliches Leben von 1985 bis Ende der 90er, als Tel Avivs transsexueller Popstar Dana International zur Siegerin des Grand Prix d’Eurovision gekürt wurde.
Als Klassiker des Queer Cinema gilt „Word Is Out“ von 1977, der auf der Berlinale in res­taurierter Fassung gezeigt wird. In dem Interview-Reigen eines Filmemacherkollektivs um Rob Epstein berichten Männer und Frauen – von einfachen Hausfrauen mit Doris-Day-Frisur bis hin zu namhaften akademischen Größen – von ihrem Leben als Schwule oder Lesben; sie erinnern sich an finstere Zeiten, an drastische Repressionen wie Elektroschocks oder heute unfassbar erscheinende „Heilungsmethoden“ durch Salatdiäten und andere Obskuritäten. Als hoffnungsvolle Fluchtpunkte schildern die Interviewten San Francisco und New York. Letzteres ein Ort, der in vielen Panorama-Filmen gewürdigt wird – teils auch mit ernüchtertem Blick wie dem Rosa von Praunheims in „New York Memories“, 20 Jahre nach seinem Kultfilm „Überleben in New York“.

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