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„Rachels Hochzeit“ von Jonathan Demme

Rachels HochzeitBerühmt wurde Jonathan Demme mit seinem Monster-Hit „Das Schweigen der Lämmer“ (1991). Bekannt war er vorher schon als quicklebendiger Filmemacher aus der Roger-Corman-Schule, der sich in den verschiedensten Genres (Komödie, Thriller, Kriegsfilm) erprobte und mit dem Talking-­Heads-Porträt „Stop Making Sense“ einen der besten Konzertfilme auf die Leinwand zauberte. „Rachels Hochzeit“ knüpft an die experimentelle Frische des Demme-Frühwerks an und erin­nert zugleich, stilistisch wie thematisch, an dänische Dogma-Filme wie „Das Fest„.
Eine agile, magisch in den Festtrubel hineinziehende Kamera be­gleitet Kym (bezwingend: Anne Hathaway), die seit Jahren mit ihrer Drogensucht ringt, von einer Reha-Klinik zum Haus ihrer Kindheit, wo die Hochzeit ihrer älteren Schwester Rachel (Rosemarie DeWitt) stattfinden wird. Das alte Landhaus in Connecticut füllt sich mit der Verwandtschaft und den Freunden von Braut und Bräutigam. Buntes, intellektuelles, liberales Middleclass- und Musiker-Milieu. Aus Kyms Perspektive wird das dreitägige Hochzeitsfest zum Offenbarungsort existenzieller Abgründe, verdrängter Traumata und familiärer Konflikte. Wie bei einer Familienaufstellung werden all die fragilen, spannungs­geladenen Konstellationen (mit Schwester, Vater, Mutter) durchgespielt.
„Ich bin Shiva, die Zerstörerin und eure Unheilsverkünderin“, be­ginnt Kym ihre Tischrede, die dann auch entsprechend ausfällt. Kym agiert mit giftiger Provokationslust. Sie ist ein Ausbund an bisweilen nervtötender Egozentrik. Aber es ist die Egozentrik des Schmerzes. In der großen Auseinandersetzung mit der kühl-abweisenden Mutter (Debra Winger) werden ihre tiefen Verletzungen spürbar. Der Ruhepol in all den aufwirbelnden Ego-Dramen ist Bräutigam Sidney, den Tunde Adebimpe, Leadsänger der Band TV On The Radio, herrlich cool verkörpert.
Das Überraschende und Schöne: Die Feier selbst entfaltet sich wie ein multikulturell-hippieskes „Love & Peace“-Happening: mit
live gespielter Ethno- und Rock­musik und Flowerpower-Reminis­zenzen. Die afroamerikanische Mut­ter des Bräutigams erklärt: „Alle zusammen sind hier eins wie der Himmel, um die Liebe zu feiern!“ Dieses Fest ist das utopische Gegenbild zu den familiären Egozentrikszenarien. Hier wird erkennbar, was ein Fest – und das festliche Leben überhaupt – sein sollte: eine Feier des Sich-Schenken-Könnens.

Text: Rainer Gansera

tip-Bewertung: Sehenswert

Rachels Hochzeit (Rachel Getting Married), USA 2008; Regie: Jonathan Demme; Darsteller: Anne Hathaway (Kym), Rosemarie DeWitt (Rachel), Bill Irwin (Paul); Farbe, 114 Minuten

Kinostart: 2. April 2009

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