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Rafi Pitts „Zeit des Zorns“ im Kino

Der Mann mit dem schmalen, verbitterten Gesicht ist müde. Ali Alavi, die Hauptfigur in Rafi Pitts neuem Film „Zeit des Zorns“ (Shekarchi), ist ein einsamer Jäger der lebensfeindlich gezeichneten Asphalt-Wüste von Teheran. Seine Frau und sein Kind hat die Polizei erschossen, nun übt er Rache. In den Wäldern im Nordiran, in die er flüchtet, verwischen die Grenzen zwischen Jägern und Gejagten, zwischen Polizisten und Zivilisten, Tätern und Opfern.
Der Regisseur Rafi Pitts spielt seine schwierige Hauptfigur selbst, mit brütender, verschlossener, dunkler Miene – ein Leidender, der Angst macht. Eine schwierige und ungewohnte Aufgabe für den Filmemacher, die er nur übernommen hat, weil er aufgrund der strengen Auflagen der iranischen Zensurbehörden seinen ursprünglich vorgesehenen, unzuverlässigen Hauptdarsteller nicht durch jemanden ersetzen durfte, der auf der originalen Drehgenehmigung nicht schon als Teammitglied verzeichnet war. Also sprang Pitts selbst ein. So erklärt er es bei unserem Treffen in Berlin, gleich nach der Berlinale.
Müde ist der Filmemacher selbst auch – das Filmfestival, wo sein Film im Wettbewerb lief, war anstrengend – aber kein bisschen verbittert. Natürlich sei es immer ein Kampf, einen Film zu machen, zwei Jahre seines Lebens hat er um „Zeit des Zorns“ gekämpft, um Bewilligungen, Finanzierung, hat mit der iranischen Zensurbehörde diskutiert und gestritten. Aber so sei das nun mal. Für seinen letzten Film habe er sogar sein Haus in Teheran verkauft – dieses Mal kam immerhin einiges Geld aus Deutschland, unter anderem vom World Cinema Fund der Berlinale. Warum er sich das antut? „Weil ich ein Filmemacher bin. Filmemacher tun alles, um Filme zu machen. Wie Junkies.“
Der Mann, der dies sagt, hat in England studiert und lebt jetzt zwischen Paris und Teheran; in Frankreich verdient er sein Geld als Filmcutter, im Iran gibt er es aus, um seine Projekte zu realisieren. „Zeit des Zorns“ wurde kurz vor den iranischen Wahlen und den massiven politischen Protesten der grünen Bewegung, die diesen folgten, gedreht. Bei seiner Uraufführung auf der Berlinale wurde der Film von vielen als starker politischer Kommentar zur Situation im Iran verstanden. Und in der Tat vermittelt er ein unheimliches Bild des Iran. Teheran ist eine Betonwüste, aber nicht nur die Stadt sieht bei Pitts seelenlos aus, auch der iranische Staat wird so gezeigt. Ali, der gerade durch Schuld der Polizei seine Familie verloren hat, wird von dieser wie ein Bittsteller behandelt; der Film zeigt Behörden, die ihre Bürger nicht unterstützen, sondern verachten. Die vollkommene Abwesenheit von Vertrauen in den Staat ist die vielleicht radikalste politische Aussage des Films. Pitts selber betont trotzdem immer wieder, dass er sich nicht als politischer Filmemacher verstehe; er spricht behutsam von Konvergenzen und dem zufälligen zeitlichen „Zusammenkommen“ seines Films mit einer realen politischen Bewegung. „Ich bin kein Politiker, ich bin nur ein Filmemacher“ sagt er immer wieder – aber doch mit einem kleinen Lächeln, das zeigt, dass diese Aussage auch eine kleine Manipulation beinhaltet, eine beschwichtigende Geste in Richtung Teheran. „Ich versuche, mich in Politik nicht einzumischen – aber mir sind mein Land und meine Leute nah und wichtig. Und wenn ihnen etwas passiert, dann geht es mich auch etwas an.“ Im Übrigen müsse man klar sehen: „Filme starten keine Revolution“. Er habe darum einen „humanistischen“, nicht einen politischen Film drehen wollen.
Wie viele zeitgenössische iranische Filmemacher, bedient auch er sich jener poetischen Ästhetik des Schweigens und der unkommentierten Bilder. Natürlich sei das „eine Filmsprache, die aus der Zensur heraus entstanden ist – aber deswegen ist es trotzdem auch eine eigenständige Filmsprache, die universell verständlich ist.“

Text: Catherine Newmark

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Zeit des Zorns“ im Kino in Berlin

Zeit des Zorns (The Hunter), Iran/Deutschland 2010; Regie: Rafi Pitts; Darsteller: Rafi Pitts (Ali Alavi), Mitra Hajjar (Sara Alavi), Ali Nicksaulat (Polizist); Farbe, 88 Minuten

Kinostart: 8. April 2010

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