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Rainer Werner Fassbinder in „Baal“ im Kino

Baal

Ein massiger Kerl in schwarzer Lederjacke stapft mit trotzig teigiger Kater-Miene einsam unterm regnerischen Himmel heran, der Rocker-Habitus und die ewige Zigarette groß im Bild, das an den Rändern stylish-diffus verschwimmt. Aus dem Off hört man jazzigen Blues und die lakonisch dahergerotzte „Ballade vom wüsten Baal“, die Bert Brecht 1918 seinem ersten Stück  voranstellte: „In der Sünder schamvollem Gewimmel?/?lag Baal nackt und wälzte sich voll Ruh:?/?Nur der Himmel, aber immer Himmel?/deckte mächtig seine Blöße zu.“
Als das knapp volljährige Direktorensöhnchen Brecht am Ende des 1. Weltkriegs in München ein Leben als Theater-Nerd und kommender Großkünstler probte, gab es mehr Schnaps als Lebensmittel, im Krieg Verstümmelte füllten die Lazarette, der politische Umsturz lag in der Luft, zudem war eine seiner Liebschaften schwanger geworden. Angewidert vom hohlen Edelpathos eines Künstlerdramas der Saison, entwarf der Bohemien sein zynisches Gegendrama „Baal“, eine Art rauschhafte Passionsgeschichte eines unangepassten Dichters. Benannt nach dem levantinischen Gewittergott, reißt seine Hauptfigur der Welt die Maske idealistischer Wohlanständigkeit herunter. Überall nur Gier, Sentimentalität und Untertänigkeit, mittenmang das von Mann und Frau begehrte Genie, ein destruktives faustisches Super-Ego. Ende blutig, Vorhang zu.
Baal1969, noch im Schwung der Studentenunruhen und kurz nach dem Flop seiner thematisch ähnlich gelagerten „Michael Kohlhaas“-Adaption, griff sich Volker Schlöndorff die frei flottierenden neuen Talente der Münchener Antiteater-Truppe um Rainer Werner Fassbinder und den jungen, im kleinen 16mm-Format experimentierfreudigen Kameramann Dietrich Lohmann und drehte eine neue Version des „Baal“, die eher vom Münchener Lebensgefühl der selbstbewussten Fassbinder-Dilettanten als von sozialistischer Brecht-Verehrung geprägt war.
Brechts Witwe Helene Weigel gefiel die Chose nicht, als das in Bierhäusern, an schmuddeligen Ausfallstraßen, auf Schrottplätzen und unter markigen bayrischen Holzfällern angesiedelte Außenseiterporträt im selben Jahr zur Prime-Time im Fernsehen zu sehen war, trotz des antiautoritären Gestus vom koproduzierenden Hessischen Rundfunk prominent platziert. Weigel verbot die gefühlte Schmähung des linken Dichterfürsten kurzerhand. Doch seit sich die Brecht-Erben und Volker Schlöndorff kurz vor dessen 75. Geburtstag annäherten, wurde die Wiederaufführung des digital restaurierten Films mit einer Premiere während der diesjährigen Berlinale möglich.
Mag die Geste des rabiaten Machos und notorischen Soziopathen heute durch Hardcore-Rapper zur Konsummarke verkommen und andererseits die Hochkultur der verschwitzten Expressivität Fassbinders die Aura früh vollendeter Meisterschaft überstülpen, wartet hinter all den interessanten Zwiebelschichten kultureller Kanonbildung die wuchtige Begegnung mit einem Schauspielensemble (allen voran Margarethe von Trotta als schwangere Geliebte Sophie, die sich nicht abhängen lassen will), das Theater-Attitüden mit Roadmovie-Unmittelbarkeit auflädt.

Text: Claudia Lenssen

Fotos: Volker Schlöndorff

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Baal“ im Kino in Berlin

Baal, ?BRD 1970; Regie: Volker Schlöndorff; Dar-?steller: Rainer Werner Fassbinder (Baal), Sigi Graue (Ekart), Margarethe von Trotta (Sophie); 88 Minuten; FSK 12

Kinostart: 20. März

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