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Ralf Schmerberg über den Film „Problema“

Ralf-Schmerbergtip: Ralf Schmerberg, es begann 2003 mit „Dropping Knowledge“, einer offenen Plattform zur Frage „Wer sind wir im 21. Jahrhundert?“, und endet jetzt mit dem Film. Wieso haben Sie sich an so ein Riesenprojekt gewagt??

Ralf Schmerberg: Ich habe es zunächst als Drei-Monats-Projekt angesehen. In der ersten Version war es eine direkte Reaktion auf den Irakkrieg. Doch das Projekt explodierte und wurde immer größer. Ich hatte mich verkalkuliert, sonst hätte ich mir das kräftetechnisch gar nicht zugetraut. Der zweite Grund: „Dropping Knowledge“ ist aus der Unmündigkeit und der Sprachlosigkeit heraus geboren, und durch den „Table of Free Voices“ haben wir dann 2006 für uns Mündigkeit und Ausdruck gefunden.

tip: Beim „Table of Free Voices“ auf dem Bebelplatz haben 112 Menschen Antworten auf 100 Fragen gegeben. Wurden sie ausreichend beantwortet??

Schmerberg: Es gibt für diese Lebens- und Menschheitsfragen keine einzelne Antwort. Für uns ist entscheidend, dass man sie stellt. Ich hoffe, viele Leute verlieren durch den Film ihre Ohnmacht ein bisschen und haben ein Gemeinschaftsgefühl, dass wir eigentlich in unserer Gesellschaft nicht haben. Wir sind sehr isoliert mit all den großen Problemen. Das macht krank, weil wir viel inhalieren, aber nicht die Mittel haben, es wieder rauszulassen.

tip: Es hat sehr lange gedauert, den Film fertigzustellen, vier Jahre. Warum??

Schmerberg: Das Schwierigste war die Masse an zeitgeschichtlichem Material. Das zweite war, dass wir immer wieder extern Geld verdienen mussten, um den Film selbst zu finanzieren. Dadurch musste ich mehrmals unterbrechen.

tip: Hatten Sie einen grundsätzlich anderen ästhetischen Ansatz bei „Problema“ als in der Werbung?

Schmerberg: Ästhetisch nicht, ich trenne die Welten nicht. Inhaltlich muss ich es total anders sehen. Das eine bedeutet völlig eigenverantwortlich zu agieren, das andere ist Dienstleistung. Zum Teil kritisiere ich Dinge in meinem Film, die ich als Werbefilmer gemacht habe, da gibt es eine Frage der Glaubwürdigkeit. Aber das ist eine Auseinandersetzung, die wir alle haben. Ich bin da ein super Beispiel. Auf der einen Seite sind wir unvoll­kommen, auf der anderen versuchen wir, vollkommen zu sein. Ich habe eine Black List von Firmen, für die ich nicht arbeite. Und mit „Problema“ ist diese schwarze Liste noch länger geworden.

tip: Sie stellen „Problema“ zum freien Download ins Netz. Was soll der Film bewirken?

Schmerberg: Ich habe versucht, im Laufe des Projektes viele Erwartungen runterzuschrauben. Wir sind da natürlich mit einer Weltretter-Stimmung reingerannt, aber irgendwann muss man erkennen, wie begrenzt alles ist. Ich wünsche mir, dass die Leute verstehen, wenn man einen Film frei released, ist das kein Nachteil, sondern eine andere Grundhaltung. Und ich will die Leute zu einem stärkeren Handeln bewegen, ohne dass ich sagen kann, was das richtige Handeln ist. Aber wir brauchen mehr Aktionismus.    

Fragen: Stefanie Dörre

Foto: Oliver Wolff

Problema“ ist ab 6.12. als freier Download auf www.problema-thefilm.org verfügbar.

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