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„Rapunzel – Neu verföhnt“ im Kino

Rapunzel - Neu verföhnt

Die Animationsabteilung von Disney steckt ein wenig in der Klemme. Zwar hat man sich in einem cleveren Schachzug schon vor Jahren die schärfste künstlerische und kommerzielle Konkurrenz in Form des Pixar-Studios eingekauft und deren Chef John Lasseter zum Leiter der gesamten Disney-Animationssparte ernannt. Aber schließlich möchte man ja auch unter dem eigenen Label weiterhin Trickfilme herstellen: Dabei verbietet es sich von selbst, dass diese in Form und Haltung den Pixar-Filmen ähneln, doch die in traditioneller Handzeichnung hergestellten Filme im lyrisch-realistischen Stil, für den Disney einst berühmt war, locken die Kinogänger auch nicht mehr in größeren Massen an die Kassen. Zu sehr hat die Computeranimation die Erwartungen der Zuschauer verändert.
Somit ist man mit der jüngsten Disney-Produktion „Rapunzel – Neu verföhnt“ (Tangled) nun bereit für den großen Spagat: Einerseits ist es das erklärte Ziel der Filmemacher, mit dem Rückgriff auf das europäische Märchen, mit Prinzessin und böser Stiefmutter, die Stimmung der traditionellen Disney-Filme zu evozieren und auch in Stil und Niveau der Animation an deren Qualität anzuknüpfen.  Andererseits bedient man sich ganz selbstverständlich der neuesten Computeranimations- und 3D-Technik. Und natürlich kann auch Rapunzel kein Mädchen mehr sein, das wie einst Schneewittchen auf einen strahlenden Retter wartet: Mutig und neugierig strebt dieses einstmals geraubte und in einem Turm eingesperrte Königskind
hinaus in eine bunte Welt der Abenteuer.  
Rapunzel - Neu verföhntDer Anspruch ist also hoch – und wird, trotz einer verwickelten Produktionsgeschichte, die unter anderem die Ablösung eines Regisseurs nach sich zog, etwas überraschend auch weitgehend eingelöst. Mit dem grimmschen Märchen hat „Tangled“ natürlich kaum mehr Ähnlichkeit (nach eigenen Angaben fragten sich die Regisseure Byron Howard und Nathan Greno vor allem: „Wie kriegen wir Rapunzel heraus aus ihrem Turm?“), dafür dürfen sich die quirlige Rapunzel und ihr Begleiter, der charmante Abenteurer und Dieb Flynn Rider, nun die Dialogbälle beinahe in Screwball-Manier zuspielen. Amüsante Musicalnummern um hartgesottene Schurken und ihre sanften Träume stehen neben dramatischem Sentiment und großangelegten Actionsequenzen, in denen Rapunzel ihr Zauberhaar geschickt einzusetzen weiß – die gesamte Disney-Bandbreite wird hier mit ordentlich Schwung und Witz präsentiert. Ungemein vergnüglich sind auch die beiden animalischen Nebenfiguren, die dem sympathischen Heldenpaar zur Seite stehen: Entgegen dem Trend zu ununterbrochen witzlos daherlabernden „Sidekicks“ in Animationsfilmen, sagen sowohl Rapunzels Chamäleon Pascal als auch das Pferd Maximus, das sich lange Zeit eine gnadenlos witzige Verfolgungsjagd mit Flynn Rider liefert und erst spät die Seiten wechselt, den ganzen Film über keinen Ton, sondern amüsieren mit Mimik und grafischer Körpersprache. Ganz sicher ist „Tangled“ die stilvollste Disney-Unterhaltung seit Langem – vielleicht leitet John Lasseter beim Mäuse-Imperium ja jetzt tatsächlich eine neue Ära von Glanz und Gloria ein. Es ist zu hoffen.

Text: Lars Penning

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Rapunzel – Neu verföhnt“ im Kino in Berlin

Rapunzel – Neu verföhnt (Tangled), USA 2010; Regie: Byron Howard & Nathan Greno; Stimmen der OF: Mandy Moore (Rapunzel), Zachary Levi (Flynn Rider), Donna Murphy (Mother Gothel); 100 Minuten; FSK 0

Kinostart: 9. Dezember

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