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„The Real Eighties – Neo Noir“ im Arsenal

Gloria

Für jemand, der mit dem klassischen Hollywood-Kino beziehungsweise den leisen Tönen und Alltagsgeschichten des New Hollywood aufgewachsen ist, war das US-Kino der 80er-Jahre nicht leicht zu lieben. Da gab es glitzernde Oberflächen mit Musik, die nicht die eigene war, die man sich im besten Fall erst aneignete – die wabernden Klänge von Tangerine Dream zum nächtlichen Neon in Michael Manns „Thief“, David Bowies Songs zum Remake des klassischen Horrorstoffs „Cat People“, Blondies „Call Me“ zu dem blitzenden Chrom des Wagens, mit dem der „American Gigolo“ Richard Gere durch die Straßen cruiste; selbst die Bee Gees, die man ein wenig widerwillig wegen ihrer Ohrwürmer Ende der 60er-Jahre toleriert hatte, erfanden sich plötzlich neu und waren auf der Höhe der Zeit, als sie den federnd selbstbewussten Gang John Travoltas durch die Straßen Brooklyns in „Saturday Night Fever“ (von 1977, aber ein klarer Vorläufer) mit „Stayin’ Alive“ untermalten. Vielleicht war es auch dieses stolz zur Schau getragene Ego seiner Protagonisten, das einem nach den sympathischen Verlierern des New Hollywood so wenig behagte, zumal wenn man es mit der aktuellen Politik der USA kurzschloss. Zu diesem Narzissmus, den die Figuren von Travolta oder Richard Gere („American Gigolo“, „Breathless“) pflegten, passte ein Filmstil, der seine Schauwerte nicht versteckte, sondern durchaus ausstellte.
„The Real Eighties“ nennt sich eine für das Österreichische Filmmuseum zusammengestellte Filmreihe, die sich an einer Ehrenrettung gerade des US-Mainstreams jener Jahre versucht. Aus den in Wien gezeigten 47 Filmen wurde für das Arsenal eine Auswahl von acht Titeln getroffen, die allesamt der Gattung des Neo-Noir zuzurechnen sind – dass dabei ausgerechnet „Cutter’s Way“, in Deutschland gleich als Videopremiere herausgekommen, auf der Strecke geblieben ist, ist höchst bedauerlich, ist Ivan Passers Film doch aus dem Bewusstsein ungleich mehr verschwunden als die meisten der in Berlin gezeigten Titel.
Bis auf „Mike’s Murder“ (1984 von dem 1993 früh verstorbenen James Bridges inszeniert) hatten die Filme alle einen deutschen Kinostart, mit vielen konnten die Hollywood-Majors, die sie produziert hatten, allerdings wenig anfangen, sei es wegen der Düsternis von James Foleys Familiendrama „At Close Range“, der damals im Berlinale-Wettbewerb Premiere hatte, oder wegen des scheiternden Protagonisten von Michael Manns „Thief“ (den man in Berlin damals nur für wenige Tage im Nachtprogramm der Lupe 1 sehen konnte).
In den Labyrinthen, die sich etwa in „Mike’s Murder“ oder in Brian De Palmas „Blow Out“ auftun oder auch in der Paranoia von Roger Donaldsons „No Way Out“ (der einen Noir-Klassiker von 1947 in die Gegenwart überträgt und um ein verblüffendes Ende bereichert), sind darüber hinaus die Siebziger sichtbar. Es gibt also einiges (wieder-) zu entdecken.

Text: Frank Arnold

Foto: Österreichisches Filmmuseum

The Real Eighties – Neo noir, Kuratiert von „The Canine Condition“; Arsenal, Do 4.7. bis Mi 31.7.

www.arsenal-berlin.de

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