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„A Real Life“ und „The Way Beyond“ im Kino

The Way Beyond

Der Mensch sei potenziell unsterblich, verspricht Dr. Karr dem hoffnungsvollen Publikum, und sein Körper unzerstörbar. Jonathan Vogel ist sein Vorzeigepatient. Seine Zellstruktur ist kompatibel mit der revolutionären Therapie, die der Arzt entwickelt hat. Das Bein, das er bei einem Motorradunfall verloren hat, kann wiederhergestellt werden. Aber wäre das Leben ohne den Tod nicht unerträglich, fragt ihn der Patient.
Nicht nur mit dem Wissen, dass dies Guillaume Depardieus letzter Film war, mutet „The Way Beyond“ (L’enfance d’Icare) gespenstisch an; als habe der Schauspieler, der sich bei den Dreharbeiten in Rumänien eine tödliche Lungenentzündung zuzog, das Drehbuch selbst erdacht. Es ist lesbar als eine Bilanz seiner Biografie und Leinwandpersona, als ein Versuch, den Fluch zu bannen, der über seinem Leben lag. Nun, zwei Jahre nach seinem Tod, kommt das Regiedebüt von Alex Iordachescu ins Kino, zusammen mit „A Real Life“ (Au voleur) von Sarah Leonor, dem zweiten verbleibenden Film aus Depardieus Vermächtnis. Natürlich müssen beide Filme eine Geschichte erzählen, sind insgeheim aber betörende Porträts des Schauspielers. „L’enfance d’Icare“ ist ein paranoider Science-Fiction-Thriller über Betriebsunfälle bei der Suche nach dem ewigen Leben, „Au voleur“ erzählt von der Begegnung eines Diebes mit einer Deutschlehrerin, die bald zu Komplizen und von der Polizei gejagt werden.
Unvorstellbar, dass beide Filme einen anderen Hauptdarsteller haben könnten: Sie feiern das letzte Aufbäumen eines Rebellen, der den Verabredungen der Gesellschaft misstraut und Erlösung in der Liebe sucht. Mit melancholischer Hingabe studieren beide Filmemacher Depardieus Physiognomie (sie filmen sie bezeichnend oft als Silhouette, im Schattenriss) und die Unrast seines Spiels. Guillaume entwirft ein hageres, asketisches Gegenbild zu seinem Vater Gйrard; seine Anmut entfaltet indes eine ebensolche Schönheit des Exzesses: die Nase zu mächtig, die Ohren zu groß, die Schultern zu breit, die Arme zu lange und die Hände zu ungeschlacht. Sein Leinwanddasein findet einen würdigen Abschluss: Die letzte Einstellung von „L’enfance d’Icare“ zeigt ihn, wie er auf einer Parkbank sitzt und die Passanten betrachtet. Eine Genugtuung über das Leben ist in seinen Zügen auszumachen, und die Trauer, nicht dazu­zugehören.

Text: Gerhard Midding

A Real Life (Au voleur), Frankreich 2009; Regie: Sarah Leonor; Darsteller: Guillaume Depardieu (Bruno), Florence Loiret-Caille (Isabelle), Jacques Nolot (Manu); 100 Minuten; FSK k.A.

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „A Real Life“ im Kino in Berlin

Kinostart: 16. Dezember

 

The Way Beyond (L’enfance d’icare), Schweiz 2009; Regie: Alexandre Iordachescu; Darsteller: Guillaume Depardieu (Jonathan), Alysson Paradis (Alice), Carlo Brandt (Dr. Karr); 90 Minuten; FSK k.A.

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „The Way Beyond“ im Kino in Berlin

Kinostart: 16. Dezember

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