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Regisseur Bйla Tarr im Gespräch

Das Turiner Pferd

tip Sie haben von Ihrem Wunsch nach größtmöglicher Einfachheit gesprochen. Gehört dazu auch die Abwesenheit der Farbe in Ihren Filmen? Ist Schwarz-Weiß einfacher?
Bйla Tarr Einerseits ja. Aber es ist auch weniger naturalistisch. Es ist künstlicher. Darum mag ich schwarz-weiße Bilder. Ich gebe nicht vor, die Wirklichkeit abzubilden.

tip Ihre Filme sind nicht real, sondern Visionen.
Bйla Tarr Vermutlich. Aber in gewisser Weise sind sie auch grauenhaft wirklich.

tip Sie mögen dieses Doppelspiel zwischen Abstraktion und Konkretheit.
Bйla Tarr Das ist kein Doppelspiel. Exakt so sehe ich die Dinge. Das Abstrakte gehört zum Konkreten, das ist eine Einheit. Ich denke über das Reale nach, habe meine Basis in der Wirklichkeit. An Abstraktion allein hätte ich kein Interesse.

tip Zu den sehr künstlichen Elementen in Ihrem neuen Film gehört die Orchestermusik. Sie ist wild, opernhaft, expressiv.  
Bйla Tarr Expressiv? Sie ist monoton, sehr langweilig. Aber großartig. Die Musik ist eine Hauptfigur meines Films, wie auch die Landschaft ein Protagonist ist, ein Gesicht hat. Daher muss die Musik fertig sein, ehe ich zu drehen beginne, denn ich muss doch meine Figuren kennen!

tip Sie sind im kommunistischen Ungarn aufgewachsen und meinten einmal, das Leben damals sei auch nicht schlechter gewesen als jenes in der Demokratie.
Bйla Tarr Als ich mit dem Filmemachen begann, gab es die staatliche Zensur; heute haben wir die Zensur des Marktes. Ich kann nicht sagen, welche Zensur schlimmer war.

Bйla Tarrtip Die kommunistische Zensur war wohl gefährlicher.
Bйla Tarr Nein. Man konnte immerhin etwas tun, wofür man anschließend bestraft wurde. Die Zensur des Marktes sorgt dafür, dass man von vornherein nichts mehr machen kann.

tip Zum Nichtstun verurteilt zu sein ist die härtere Strafe?   
Bйla Tarr Absolut. Man hat keine Wahl mehr.

tip Waren die Dreharbeiten zu „Der Mann aus London“ nicht die schlimmsten, die Sie je erlebt hatten? Ihr Produzent Humbert Balsan nahm sich, während Sie den Film mit ihm vorbereiteten, Anfang 2005 das Leben.
Bйla Tarr Ich kann nicht sagen, dass jener Film meine bislang schlimmste Erfahrung war, denn als er 2007 fertig wurde, liebte ich ihn doch, genau wie all meine anderen. Aber als ich kurz vor Drehbeginn die Nachricht kriegte, dass mein Freund und Produzent tot ist, war das entsetzlich, sehr schmerzhaft. Wir mussten alles abbrechen, konnten erst viel später neu beginnen.

tip Ihre Filme werden gern als deprimierend bezeichnet. Sie sehen das anders?  
Bйla Tarr Allerdings. Wären wir in der Kälte jeden Tag um vier Uhr früh aufgestanden, um zu drehen und auf das Licht zu warten, wenn wir deprimiert gewesen wären? Nein, wir waren alle extrem optimistisch: Wir glaubten daran, dass unsere Arbeit jeden einzelnen Zuschauer bewegen und bereichern würde. Man wird sich, wenn das Licht nach einer Vorführung des „Turiner Pferds“ wieder angeht, stärker fühlen als zuvor, nicht schwächer.

Interview: Stefan Grissemann

Fotos von Bйla Tarr: Harry Schnitger / tip

Fotos aus „Das Turiner Pferd“: Basis Filmverleih

Zur Person: Bйla Tarr
Der 1955 in Pйcs geborene unga­rische Filmemacher wurde 1994 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als im Forum der Berlinale sein achtstündiger „Sбtбntбngo“ präsentiert wurde, eine bildermächtige, aber ereignisarme Schilderung ländlichen Lebens zwischen Verfall und Aufruhr. Die Vorlage stammte wie bei fast allen wichtigen Arbeiten Tarrs von dem Schriftsteller Lбszlу Krasznahorkai. 2000 kamen „Die Werckmeisterschen Harmonien“ heraus, in dem mit Lars Rudolph und Hanna Schygulla auch deutsche Stars mitspielten. Tarr hat über viele Jahre auch an der dffb in Berlin unterrichtet.

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Lesen Sie hier die Filmkritik: „Das Turiner Pferd“ im Kino in Berlin

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