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Regisseur Bйla Tarr im Gespräch

Bйla Tarr

tip Herr Tarr, „Das Turiner Pferd“ sei Ihr unwiderruflich letzter Film, haben Sie erklärt. Warum hören Sie auf?  
Bйla Tarr  Ich will keine Kamera mehr anrühren.

tip Wieso denn? War Ihre jüngste Arbeit keine gute Erfahrung?
Bйla Tarr Im Gegenteil: eine der besten meines Lebens. Denn ich wusste, dass dieser Film mein letzter sein würde. So hatte ich, genau wie mein Team, richtig Freude an der Arbeit. Meine Entscheidung ist persönlich. Ich drehe seit 34 Jahren Filme, mit denen ich mich tiefer und tiefer in die menschliche Existenz gegraben habe, und ich konnte mit meinen Komplizen eine ganz eigene Filmsprache und Ausdrucksweise entwickeln. Es war wunderbar, das alles zu erleben. Und mir war absolut klar, dass ich nach „Der Mann aus London“ noch einen Film machen musste. Um mein Werk abzuschließen. Nun ist die Arbeit getan. Sie ist zu Ende. Ich betrachte das Filmemachen nicht als Job, den man manchmal besser, manchmal schlechter macht. Ich bin kein Kopist, wiederhole weder mich noch andere. Ich war nie Teil dieses Geschäfts. Ich wollte einfach etwas herstellen – für die Welt. Und als sich vor ein paar Jahren in mir das Gefühl einstellte, meine Arbeit sei im Wesentlichen getan, musste ich zu einem Ende kommen.

tip Sie haben oft betont, eigentlich immer denselben Film zu drehen – nur jedes Mal ein bisschen besser, raffinierter.
Bйla Tarr Natürlich habe ich immer denselben Film gedreht, aber doch jedes Mal auch anders, weil ich meinen Stil verändert und Schritt für Schritt mehr von der Welt begriffen habe. Am Ende fand ich zu einer großen Reinheit, zum Minimalismus, zur absoluten Einfachheit. Noch reiner, noch einfacher geht nun nicht mehr. Es ist genug.

tip Woran werden Sie aber ab sofort arbeiten? Nur noch unterrichten?
Bйla Tarr Ich habe eine ganze Menge an Projekten. Zunächst versuche ich, Produzent zu sein, ich habe ja ein Produktionsbüro in Budapest. Zudem baue ich gerade eine internationale Filmschule in Kroatien, in Split, mit auf. Das wird eine Institution werden, wie es sie auf der ganzen Welt nicht gibt. Und dann wurde ich 2011 zum Präsidenten des ungarischen Filmregieverbands gewählt – eigentlich wurde ich eher dazu gezwungen. Ungarns Filmszene ist ja in heftige Kämpfe verwickelt, die Scheiße fliegt uns um die Ohren, und offenbar glaubt man, ich könnte da helfen.

Das Turiner Pferdtip Verstehen Sie Ihre Filme stets auch als Kommentar zur spezifischen politisch-kulturellen Situation in Ungarn?
Bйla Tarr Natürlich nicht nur. Aber man braucht als Künstler so etwas wie eine echte Basis, man braucht reale Gesichter und Menschen. Und da ich Ungar bin, mache ich ungarische Filme. Damit meine ich aber nicht: lokale oder provinzielle Filme. Man muss in sei­ner Heimat verwurzelt sein, aber universal denken.

tip Das Pferd, nach dem Ihr Film benannt ist, verweigert in Ihrer Inszenierung seinen Dienst als Nutztier. Ist das auch ein Sinnbild für den ästhetischen Widerstand, den Sie seit Jahrzehnten leisten?
Bйla Tarr Stimmt, ich leiste Widerstand, immer. Aber es geht nicht um mich, sondern um das Leben. Davon erzähle ich. Und das Leben ist leider nicht unbegrenzt. Wenn man sein ­Њuvre abschließt, muss man auch das Ende selbst thematisieren. Das Ende des Lebens, nicht das Ende der Welt. Die Welt wird sich irgendwie weiterdrehen. Aber es ist fürchterlich, wenn man bemerkt, wie die eigenen Kräfte schwinden. Und am Ende dieser Entwicklung verschwindet das Leben selbst, in aller Stille. Das wollte ich in meinem letzten Film zeigen.

tip Sie sehen „Das Turiner Pferd“ als autobiografische Arbeit?
Bйla Tarr Nein. Obwohl: Am Rande hat der Film auch mit mir selbst zu tun. Ich glaube nicht, dass ich besser sterben werde als alle anderen, eher im Gegenteil: Denn ich leiste eben Widerstand, kann nicht aufgeben. Das wird meinen Tod erschweren. Ich werde keinen Frieden kriegen. Aber in meinem Film gibt es keine Symbole; dieses Pferd bin nicht ich.

tip Ihr Film ist sehr konkret, sehr körperlich, er handelt von Erde, Gesichtern, Körpern, dem Unwetter. Warum sehen Sie das Landleben als die beste Form an, um die „Conditio humana“ zu beschreiben?
Bйla Tarr Das sehe ich gar nicht so. Meine ersten Filme spielten in Budapest. Irgendwann fing ich eben an, mich mit Landschaft und Natur auseinanderzusetzen. Anfangs hatte ich noch gedacht, es gehe nur darum, soziale Probleme zu lösen. Dann könnte alles gut werden. Da war ich 22 – und drehte meinen ersten Film. Als ich älter wurde, begriff ich, dass es auch andere Probleme gab: ontologische und sogar kosmische, universale Probleme. So erkannte ich, dass ich meine Filme in die Natur verlegen musste.

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