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Regisseur John Maloof über „Finding Vivian Maier“

Finding Vivian Maier

Eigentlich suchte John Maloof für ein Buchprojekt nach Fotos von alten Stadtansichten Chicagos. Was er dann von einer Versteigerung mitbrachte, erwies sich allerdings als Schatz: Die noch unentwickelten Bilder waren nämlich keine Amateuraufnahmen, sondern enthüllten ein großes fotografisches Talent. So begann seine mehrjährige Recherche: Wer war diese Vivian Maier, die über 100.000 Negative hinterlassen hatte und ihren Lebensunterhalt als Kindermädchen verdiente? Maloof hat eine Reihe von Menschen ausfindig gemacht, die Vivian Maier kannten. Ihre Aussagen fügen sich zu einem Mosaik zusammen, und doch bleibt vieles offen, denn Vivian Maier war eine höchst private Person. Dass mit ihr eine große Fotografin entdeckt wurde, davon legt jedoch nicht nur der Film Zeugnis ab, sondern auch zwei mittlerweile erschienene Bildbände.

Finding Vivian Maiertip Mister Maloof, nachdem Sie auf einer Auktion einen Koffer mit Fotos von Vivian Maier erworben hatten, fiel es Ihnen da sehr schwer, auch die anderen Koffer, die dort angeboten worden waren, zu bekommen?
John Maloof?Die Auktion war Ende 2007, Mitte 2008 begann ich mit der Suche, das dauerte bis Ende 2009, denn es war gar nicht so leicht, alle ausfindig zu machen. Am Ende habe ich ungefähr 90 Prozent des Materials erwerben können. Einen Koffer konnte ich nicht ausfindig machen, ein weiterer tauchte in New York auf, als ich schon an dem Film arbeitete.

tip Museen, die Sie um Unterstützung bei der Recherche baten, verhielten sich eher ablehnend, haben Sie im Gespräch nach der Berlinale-Vorführung erzählt …
John Maloof Einige waren der Auffassung, dass Negative keine fertigen Produkte sind und dass es nicht ihre Aufgabe sei, daraus Bilder herzustellen. Von vielen Fotos gab es keine Kontaktabzüge, sie wussten also nicht, wie die Fotos aussehen würden. Da nur zehn Prozent der Bilder gescannt waren, befürchteten die Archive, ich hätte die besten herausgesucht und der Rest wäre das Geld nicht wert. Dabei wäre es nicht schwer für sie gewesen, die Qualität zu erkennen, hätten sie sich ein bisschen länger mit der Materie beschäftigt – aber sie waren einfach desinteressiert.

tip Wie konnten Sie den Film schlussendlich finanzieren?
John Maloof Indem wir Prints von einigen der Bilder verkauften. Die ersten drei Jahre bezahlte ich alles aus meiner eigenen Tasche und lief gegen eine Wand – so scannte ich lange Zeit die Fotos selber und machte dabei Fehler, denn deren Beschriftungen waren alles andere als präzise. Schließlich wurde mir klar, dass ich dafür die Hilfe eines Profis benötigte. Und das war sehr teuer.

Finding Vivian Maiertip Im Nachspann wird die Plattform Kickstarter erwähnt. Haben Sie darüber einen Teil des Budgets für den Film zusammenbekommen?
John Maloof Ja, 2010 haben wir 105?000 Dollar darüber zusammengebracht. Das war ungefähr die Hälfte dessen, was wir benötigten. Der Rest des Geldes kam von mir und meinem Ko-Regisseur Charlie Siskel und dem erwähnten Verkauf von Prints.

tip Die Geschichte Vivian Maiers ist so spannend, dass man sie sich auch gut als Spielfilm vorstellen kann …
John Maloof Das passiert schon. Christine Vachon, die mit ihrer Firma Killer Films unter anderem „American Psycho“ produziert hat, hat die Spielfilmrechte beim Festival von Toronto erworben. Es gibt derzeit aber noch keinen Drehbuchautor. Der muss sich eine Perspektive auf das Ganze ausdenken. Ich bin nicht als Regisseur oder Autor daran beteiligt, nur als Mitproduzent. Ich möchte niemandem in den Weg kommen, habe nur beratende Funktion, um so viele Informationen wie nötig zu geben.

tip Haben Journalisten Vivian Maiers Geschichte aufgegriffen und versucht herauszufinden, warum sie so zurückgezogen lebte?
John Maloof Soweit ich weiß, hat das niemand versucht. Es ist einfach schwer, ich habe vier Jahre benötigt, um meinen jetzigen Wissensstand zu erarbeiten – und wir wissen noch immer nicht alle Antworten. Ich habe insgesamt 90 Menschen ausfindig gemacht, die Vivian Maier kannten, und habe 40 davon interviewt, von denen vielleicht ein Dutzend im Film zu sehen sind. Aber wir haben immer noch kein vollständiges Bild, wohl aber ein besseres Gespür dafür, wer sie war.

tip Wenn Sie Vivian Maiers Arbeit mit der anderer Straßenfotografen vergleichen, worin liegt dann das Besondere bei ihr?
John Maloof Ich denke, sie war sich sehr bewusst darüber, was vorging in der Welt der Fotografie, wer welche Art von Bildern machte. Und sie wusste, wie man mit einer Kamera arbeitet, was Lichtsetzung und Bildkomposition anbelangt. Ich glaube, in manchen ihrer Fotos war sie ihrer Zeit ein ganzes Stück voraus, etwa das Bild mit den beiden Jungs, das aussieht wie ein Foto von Diane Arbus. Das hat sie viele Jahre aufgenommen, bevor Diane Arbus solche Bilder machte. Ich glaube, sie hat nie versucht, einen spezifischen Stil zu entwickeln – sie fand Menschen interessant und es gelang ihr, diese gut oder auch pointiert-ironisch im Bild festzuhalten.

Text: Frank Arnold

Fotos: Ravine Pictures, LLC 2013

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Finding Vivian Maier“ im Kino in Berlin

Finding Vivian Maier, USA 2014; Regie: John Maloof, Charlie Siskel; ?84 Minuten

Kinostart: 26. Juni

John MaloofDer Regisseur
Seine Beteiligung an einem Buchprojekt über das historische Chicago erweckte das generelle Interesse des ehemaligen Immobilienmaklers John Maloof an Fotografie und führte in der Folge zur Entdeckung der Negative Vivian Maiers. Nachdem der Autodidakt Maloof deren künstlerischen Wert erkannt hatte, entwickelte er geradezu eine Obsession für das 2009 verstorbene geheimnisvolle Kindermädchen. Heute gehören ihm der größte Teil ihrer über 100.000 Negative und Fotos sowie Teile ihres persönlichen Nachlasses.


Buchpublikationen

Vivian Maier: ?Self-Portraits
Vivian Maier: Street ?Photographer.??

Webseite
www.vivianmaier.com

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