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Regisseur Marcus Vetter über Cinema Jenin

Marcus_Vetter_c_Harry_SchnittgerIhr Film „Cinema Jenin“ endet mit einem regelrechten Showdown: Sie und Ihre Helfer arbeiten fieberhaft gegen die Uhr, um den Eröffnungstermin des wieder aufgebauten Kinos irgendwie einzuhalten. Haben Sie den Film dort schon gezeigt?
Marcus Vetter: Ja, die Premiere war vor Kurzem.

Sind Sie hingereist?
Ich war nicht dabei.

Warum nicht?
Ich bin nicht gefahren, weil ich mich dort nicht erneut kritisieren lassen wollte. Ich wollte nicht, dass über die immer gleichen Punkte diskutiert wird: über Begriffe wie „Normalisierung“ und was wir mit dem Projekt alles falsch gemacht haben. Das hatte ich zu oft gehört von Zakaria Zubeidi, der an diesem Abend sein Kommen angekündigt hatte. Damit fühlte ich mich nicht wohl.

Zakaria Zubeidi ist in Ihrem Film zu sehen; er ist der ehemalige Chef der Al-Aksa-­Brigaden in Jenin. Er bekennt sich während einer Podiumsdiskussion im Kino freimütig dazu, eine Pistole am Leib zu tragen. Sie haben sich mit dem Projekt offenbar nicht nur Freunde gemacht.
Das stimmt. Wir mussten uns vielfach den Vorwurf anhören, dass es sich um ein „Normalisierungsprojekt“ handele. Es hieß, wir dürften nicht so tun, als sei dieses Projekt etwas ganz Normales in einer Stadt, wo eben vieles nicht normal ist. Aber dem steht gegenüber, dass doch irgendwann dieser Teufelskreis aufhören muss. Vielleicht wollen die normalen Menschen in Jenin auch ein bisschen Normalität, um aus diesem permanenten Kriegszustand rauszukommen. Es gibt nichts Besseres dafür als ein Kino!

Für diese Haltung stehen im Film Protagonisten wie Ihr Mitinitiator Fakhri Hamad oder auch der alte Vorführer des ursprünglichen Kinos, das im Zuge der Intifada 1987 geschlossen wurde.
Ich glaube, es ist wichtig, dass man die unterschiedlichen Meinungen ernst nimmt und ihnen Platz einräumt. Es gibt in Jenin eben nicht nur die Kämpfer, die sagen: „Das geht nicht, zuerst muss die israelische Besatzungsarmee Palästina verlassen, erst dann kann es solche Projekte geben wie ein Kino.“ Nun gibt es dort auch so etwas wie das Freedom Theatre, das auch im Film zu sehen ist. Dahinter steht Zubeidi und beschützt es auch …

… der gerade kürzlich erst verhaftet wurde. Worin unterscheidet sich das von Zubeidi mitinitiierte Freedom Theatre – in dem auch mal Hip-Hop-Konzerte vor vielen Jugendlichen gegeben werden – von einem Projekt wie dem Cinema Jenin?
Das Freedom Theatre ist Teil der kulturellen Intifada, dem Widerstandskampf, es hat also eine politische Dimension. Und Cinema Jenin sollte das nicht unbedingt haben. Es sollte vor allem ein Filmtheater sein!

Sie hatten erstaunlich viele freiwillige Helfer, nicht nur Palästinenser aus Jenin, sondern auch internationale Volunteers. Was schon beeindruckt, schließlich ist die Stadt alles andere als ungefährlich.
Wir hatten Glück, dass so viele Leute, die quasi nur an Kino interessiert sind, von überall her kamen, um dieses Kino zu eröffnen. Das waren Leute, die zunächst einmal gar keine politische Meinung hatten. Der eine war 35-Millimeter-Spezialist, der andere Vorführer, der dritte Kameramann und so weiter. Alle haben ihre technischen oder künstlerischen Fähigkeiten zur Verfügung gestellt. Damit konnten wir ein Kino aufbauen, das kein pädagogisches Projekt war. Sondern, nun ja, ein Kino eben.

Cinema_Jenin_c_SenatorFilmVerleihIst ein derartiges Projekt mitten in der Hochburg des palästinensischen Widerstands nicht automatisch politisch?
Die meisten, die sich von Cinema Jenin angesprochen fühlten, waren eben nicht politisch, weil wir es nicht waren. Wir hatten keine Meinung zu Palästina. Ich hatte natürlich eine, weil ich den Film gemacht habe! Aber meine Freunde hatten eher keine, und das Ganze wurde ja vor allem von meinem Freundesnetzwerk getragen. Ich habe für das Projekt alle, die ich im Filmgeschäft kenne, aktiviert, und die haben ihre Freunde aktiviert. Es waren also lauter Filmprofis in ­Jenin, die zwar auch nicht wirklich wussten, wie man ein Kino baut. Aber sie haben es gemeinsam angepackt. Das war auch ein Glückszustand!

Eine offenbar kollektive Euphorie, die das Projekt auch durch Zeiten rettet, als kaum mehr Geld da war …
Mein Partner Fakhri spricht es aus. Er sagt –und dafür wird er sehr kritisiert von den Palästinensern: Was Jenin braucht, sind Menschen von überall, die nach Jenin kommen, ohne vorgefertigte Meinung. Er hat Recht. Natürlich sind die palästinensischen Aktivisten notwendig in Jenin: die Männer, die auf die Olivenhaine gehen und da bleiben, bis die israelischen Panzer kommen. Aber es sind auch Menschen wichtig, die sich ein eigenes Bild machen, mit eigenen Augen urteilen, sich nicht auf die Medien verlassen. Die nämlich kommen nie, weil sie Angst ­haben. Wenn aber normale Leute zurück nach Hause gehen und die Geschichten erzählen aus Jenin – denen glaubt man. Einem glühenden Aktivisten glaubt man dagegen vielleicht nicht, man denkt, okay, er hat seine politische Agenda. Was die Palästinenser vordringlich brauchen, sind Leute, welche die Geschichten, die sie erleben, weitererzählen.

Sie landen mit „Cinema Jenin“ mitten im Pulverfass Nahost. Zu Beginn des Films, wenn Sie im Internet nach potenziellen wohlhabenden Geldgebern suchen, kommen Sie zunächst  rüber wie ein Greenhorn: ein Idealist mit viel Energie, aber wenig Ahnung von den Problemen. Nun haben Sie aber schon Ihren vorigen Film „Das Herz von Jenin“ in diesem Kontext realisiert. Wie viel Naivität steckte wirklich in diesem zweiten Projekt?
Natürlich war das naiv, es war sogar sehr naiv! Selbst nach „Das Herz von Jenin“ und der Zeit, die man schon in Jenin verbracht hat, war es doch komplett verrückt, an diesem Ort so etwas Ähnliches wie ein Kino aufbauen zu wollen. Nicht nur technisch –weil kein Geld da ist, weil das Projekt zu groß ist. Mir war auch vorher nicht klar, in welche Fettnäpfchen man überall treten kann! Wie sehr dort alles umkämpft ist, egal was passiert. Die vielen Stimmen, die rund um den Kinoaufbau laut wurden, werden sonst ja eher unterdrückt. Man traut sich nicht, offen zu sagen, was man denkt. Und jetzt, wo sich etwas geöffnet hat, da platzte es aus vielen plötzlich heraus.

Das Misstrauen auf manchen Seiten legt sich auch nicht, als das Kino endlich eröffnet wird. Es herrschen Diskussionen darüber, ob Israelis zur Festveranstaltung kommen sollten.
Sechzig hatten sich angekündigt, aber die wurden kurzfristig wieder ausgeladen. Am Ende kamen zehn Israelis zur Eröffnung. Verstehen Sie, diese sechzig, die sich angemeldet hatten, das ist so ähnlich wie zu sagen: Ich gebe mein Leben als Pfand, denn ich glaube euch, ich komme nach Jenin. Normalerweise denkt jeder Israeli, er würde womöglich sofort liquidiert. Das war also ein Zeichen von Liebe und Vertrauen. Jenin wurde plötzlich zum Symbol für Hoffnung!

Für manche war das Projekt trotzdem vor allem eine Provokation.
Es geht in dieser sehr komplexen politischen Situation auch um die Frage, wer es Israelis erlaubt, nach Jenin zu kommen. Ich frage mich, wäre es nicht sinnvoll, wenn jederzeit normale Israelis vorbeikommen können? Wenn zwei Profis – ein israelischer Mischmeister und ein Palästinenser, der für den Ton verantwortlich ist –, wenn die beiden sich im Kino treffen und Informationen austauschen übers Kabel, vielleicht kann sich bei solchen Gelegenheiten so etwas wie Respekt aufbauen? Vielleicht geht ja der eine zurück und redet mit seinen Leuten, und erzählt: Es ist ganz anders, die haben da drüben auch Visionen, sie haben Leidenschaften. Für diesen anderen Weg steht im Film Ismail Khatib, der die Organe seines Sohnes an israelische Kinder gespendet hat. Aber er provoziert eben auch Konflikte. Und da stecken wir noch immer mittendrin

Interview: Ulrike Rechel

Foto: Harry Schnittger (vetter), Senator Film Verleih

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