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Regisseur Michael Haneke im Gespräch

Michael Haneketip Sie wollten selbst Pastor werden.
Haneke
Ja, mit 14 (lacht). Ich bin in Österreich aufgewachsen, aber weil ich einen deutschen Vater habe und evangelisch getauft bin, musste ich nicht in den katholischen Religionsunterricht gehen und hatte so eine Sonderstellung. Mir hat das Elitistische daran sehr gut gefallen. Wenn ich katholisch gewesen wäre, hätte ich damals wahrscheinlich gesagt, ich will Mönch werden oder so was. Das ist halt so ein pubertärer Extremismus, den man da hat. Später haben die Mädchen den lieben Gott abgelöst, und dann war das Bedürfnis, Pfarrer zu werden, relativ reduziert. Aber ich war ein gläubiges Kind. Bei meiner Konfirmation bin ich vor Aufregung fast ohnmächtig geworden, so bewegt war ich. Es ist ja auch was Tolles, wenn man so intensiv an etwas glauben kann, das ist ja was Wunderbares. Aber auch gefährlich.

 

tip Inzwischen ist Ihre Haltung offensichtlich distanzierter.
Haneke
Ja, ja, natürlich. Ich bin schon vor 30 Jahren aus der Kirche ausgetreten. Aber das ändert, das macht ja nichts. Das sind so Erfahrungen, die man mal gemacht hat.

tip Die Kinder, die in „Das weiße Band“ erscheinen, werden später die Erwachsenen- generation des Dritten Reichs bilden. Durch die Konzentration des Films auf das kollektive Erziehungsthema, gerät er in die Gefahr einen Reduktionismus zu betreiben, der komplexe soziale Bewegungen zurück­führt auf eine bestimmte Art von Schwarzer Pädagogik, so wie Alice Miller das mit ihren Thesen zum Gewaltfundament des Dritten Reichs gemacht hat.
Haneke Das ist also dann ein absichtliches Missverständnis oder eine Dummheit. Der Film versucht ja nicht – das tut er auch nirgends –, das Phänomen des Faschismus zu beschreiben, also einen Film über den deutschen Faschismus zu machen. Erst einmal gibt’s hunderte, tausende – und praktisch alle Spielfilme zu dem Thema sind schlecht. Ich kenne keinen, der das in irgendeiner Form geleistet hätte. Auch die gutwilligsten wie „Schindlers Liste“ nicht. Es gibt nur gute Dokumentarfilme, es gibt den Lanzmann und den Alain Resnais, das sind Filme, die sich diesem Phänomen einigermaßen komplex nähern. Ich glaube nicht, dass das in einem Spielfilm zu leisten ist. Das ist auch überhaupt nicht meine Absicht. Und es wäre fatal, wenn man das so interpretiert. Es geht um das, was ich vorher gesagt habe: Um die Präparierung für Flucht aus der Realität in eine Ideologie, egal welche.

tip Der Film ist ja in einem ganz exquisiten Schwarz-Weiß erzählt.
Haneke Man findet so als Zuschauer leichter in diese Epoche hinein. Im kollektiven Bewusstsein ist nur diese Zeit eben Schwarz-Weiß. Außerdem hat das Schwarz-Weiß einen sehr positiven Verfremdungseffekt. Es behauptet nie, naturalistische Wirklichkeit abzubilden.

tip Allerdings haben die koproduzierenden Fernsehsender lange darauf bestanden, von „Das weiße Band“ eine Farbversion zu bekommen.
Haneke
Er ist in Farbe gedreht. Auch weil am Anfang das Fernsehen noch nicht überzeugt war, dass es auch in Schwarz-Weiß geht, inzwischen ist das Gott sei Dank beigelegt. Aber ich habe immer gesagt, ich mache den Film nur in Schwarz-Weiß. Die Produzenten mussten da halt irgendwie (lacht) bestimmte Wege gehen. Wir haben das aber in erster Linie deswegen in Farbe gedreht, weil das existierende Schwarz-Weiß-Material
nicht lichtempfindlich genug ist, um so zu drehen, wie wir das wollten, nämlich wirklich zum Teil nur mit Kerzen- und Petroleumlicht. Aber im französischen Fernsehen, habe ich gestern gehört, ist gerade ein Film über den Weltkrieg und über den Holocaust gelaufen. Die ganzen Dokumentaraufnahmen vom Weltkrieg wurden darin koloriert. Nur die
Holocaust-Bilder haben sie Schwarz-Weiß gelassen, sozusagen aus Respekt. Aber den Krieg kann man ruhig zur Unterhaltung aufmotzen. Es ist unfassbar. Die Blödheit und Geschmack­losigkeit der Fernsehanstalten ist schon wirklich ziemlich heftig.

Interview: Robert Weixlbaumer

Foto: Harry Schnitger

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Das weiße Band“ im Kino in Berlin

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