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Regisseur Michael Haneke im Gespräch

Michael Haneke„Das Weiße Band“ erzählt von gewalttätigen Umtrieben in einem brandenburgischen Dorf am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Wir haben uns mit dem österreichischen Regisseur über historische Schwarz-Weiß- Malerei und ideologischen Terror unterhalten.

tip Freuen Sie sich schon auf den Oscar, Herr Haneke?
Michael Haneke Wir sind ja noch nicht nominiert, das muss man mal sehen. Also wenn es eine Möglichkeit gibt, ist es natürlich schön. Aber ich sehe das relativ gelassen. Man soll die Dinge nehmen, wie sie kommen, ja?

 


tip
Im Fall des Oscars wäre es pikant, weil die Academy als Institution für eine Art von Kino steht, das Sie sehr skeptisch betrachten.
Haneke Ja, klar. Das wäre eher verwunderlich, nicht? Aber mein Gott, mir soll es recht sein. Das eine wie das andere. Ich habe da keinen Einfluss darauf. Das betrifft jetzt mehr den amerikanischen Verleiher, wie sehr sich der da anstrengt. Das ist ja nicht so, dass man dann einfach hingeht, einen Film einreicht, und dann kriegt man einen Oscar, sondern da ste­ckt ja sehr viel Arbeit von den dafür zuständigen Herrschaften dahinter.

tip Warum haben Sie mit „Das weiße Band“ einen historischen Stoff gewählt nach all den Gegenwartsfilmen? Wollten Sie so etwas wie ein Fundament für Ihre ge­genwärtigeren Stoffe liefern?
Haneke Nein, das ist Zufall. Ich habe ja dieses Buch schon vor zehn Jahren geschrieben, wie übrigens mehrere meiner Bücher zehn Jahre gebraucht haben, bis sie dann gemacht werden konnten. Und historische Filme sind halt teuer. Aber es ging mir um das Thema. Zu zeigen: Wie wird der Mensch dafür präpariert, irgendeiner Ideologie zu folgen? Das wird er immer dort, wo er sich in einer Situation des Unbehagens und der Hoffnungslosigkeit, der Unterdrückung, der Demütigung usw. empfindet. Das lässt sich am Beispiel von Kindern natürlich am besten zeigen. Wer in so einer Situation ist, wird dann den ersten Strohhalm, der ihm hingehalten wird, ergreifen – und das ist meistens eine Ideologie. Ob das jetzt eine rechte oder eine linke oder eine religiöse oder politische Ideologie ist, ist zweitrangig. Ich denke, dass das auch die Aktualität des Films ist. Ich wollte nicht einen Film über Nazideutschland machen, das interessiert mich nur am Rande. Sondern es ist eine Metapher für jede Art von Präparierung durch Erziehung und Umstände für eine Ideologie. Sie könnten theoretisch den Film heute in einem Dritte-Welt-Land, in einem muslimischen Dritte-Welt-Land machen und zeigen, wie es dort zu den radi­kalen Islamisten kommt. Der Film würde natürlich völlig anders aussehen, das ist klar.

tip Eben. Ist nicht der feine kulturelle Unterschied doch entscheidend, also der Unterschied zum Ganzen?
Haneke Natürlich, es wird ein anderer Film. Aber worum es mir ging, war diese Formierung für Ideo­logie. Diese Kinder verabsolutieren, was ihnen gepredigt wird, und machen sich sozusagen zur rechten Hand Gottes, weil sie sehen, dass auch die, die ihnen diese Ideale predigen, nicht so leben. Das Tragische ist aber, dass sie nicht die, die nicht so leben, dafür bestrafen, sondern sie bestrafen sie damit, dass sie die Schwächsten bestrafen. Und das ist immer das Unerfreulichste an der Sache.

tip Es ist interessant, dass Sie als Österreicher einen Film über ein norddeutsches, protestantisches Universum machen.
Haneke Na ja, weil sich dieser moralische Rigorismus am protestantischen Umfeld besser zeigen lässt. Wenn Sie sich die Rechtfertigung von irgendwelchen Kriegsverbrechern aus Deutschland anschauen, hat eine gewisse Art von Obrigkeitshörigkeit schon viel mit der
lutherischen Position zu tun. Auch die deutsche Tüchtigkeit hat damit viel zu tun. Also, ich glaube, dass sich das Thema des Films am deutschen Beispiel halt am leichtesten darstellen lässt.

tip Man könnte den Protestantismus allgemeiner auch über eine Art von ideologischem Terror charakterisieren, weil er will, dass das Gebot zum eigenen Wunsch wird, stärker als der Katholizismus. Die Figur, die den Rigorismus in Ihrem Film am reinsten verkörpert, ist der Pastor mit seiner Familie.
Haneke Der ja eine tragische Figur ist. Weil er wirklich seine Kinder liebt und überzeugt ist, dass er das Richtige tut. Man darf nicht vergessen, dass das, was der Film zeigt, zwar für uns heute völlig absurd und furchtbar erscheint – die strenge Brutalität, mit der da Erziehung ausgeübt wird –, dass das damals aber die absolute Regel war. Ich habe ja Tonnen von Büchern über Erziehung gelesen, bevor ich das geschrieben habe. Und da kann einem schon angst und bange werden.

Foto: Harry Schnitger

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