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Retrospektive der Filme von Marco Bellocchio

Buongiorno_notteEs kommt Licht ins Dunkel. Mit professionellem Elan reißt der Makler die Fensterverschläge in der Wohnung auf, die er dem jungen Paar mit Kinderwunsch zeigt. Voller Zuversicht führt er sie in jeden Winkel des Apartments. Sie sind zufrieden mit den Möglichkeiten, die es ihnen bietet; er ist es auch. Der Makler kann nicht wissen, dass sie es in eine konspirative Wohnung verwandeln werden, um dort Aldo Moro, den Präsidenten der konservativen Partei „Democrazia Cristiana“, nach seiner Entführung gefangen zu halten. Das stille Paar gehört nämlich den Roten Brigaden an.
Kaum mehr wird „Buongiorno, notte – Der Fall Aldo Moro“ fortan diese Wohnung verlassen. Der Film muss es nicht. Alle Widersprüche, zwischen denen die Gesellschaft Italiens zerrissen ist, kann er hier wie unter einem Brennglas bündeln: den unsteten Zwiespalt des politischen Systems, die Unentrinnbarkeit der Religion, die Brüchigkeit der bürgerlichen Familienverhältnisse. In der hermetischen Abgeschiedenheit seines Schauplatzes erzählt Marco Bellocchio eine Tragödie des Uneigentlichen, der Entfremdung: Die Terroristen und der Entführte haben den Rückhalt in der Bevölkerung verloren.

Wie viele seiner Filme, die das Arsenal im Oktober in einer vollständigen Retrospektive zeigt, eröffnet der Regisseur auch „Buongiorno, notte“ mit einem Fensterblick. Gemessen an der Häufigkeit, mit der Fenster die Sicht auf die Außenwelt freigeben oder demonstrativ geschlossen werden (nicht selten sind sie vergittert), spielen sie in Marco Bellocchios Werk die gleiche Rolle wie die Türen bei Ernst Lubitsch. Sie markieren die Schwelle zwischen der Welt, die seine Figuren in sich tragen, und der Welt außerhalb. Nur selten lassen sie sich in seinem Kino in Einklang bringen.
Stets wählt er dabei die Perspektive des subjektiven Empfindens. Seit „Mit der Faust in der Tasche“ (1965), einem der erstaunlichsten Regiedebüts der Filmgeschichte, ergreift er radikal Partei für die Außenseiter, die Verweigerer, die Traumverlorenen. Er sucht die ungestüme Nähe zu den Gesichtern, die Kamera ist ein Seismograph der inneren Erschütterungen und gesellschaftlichen Traumata. In der unbehaglich winterlichen Atmosphäre seines Regiedebüts entfaltet ­Bellocchio einen ganzen Katalog von Krankengeschichten: Psychosen, Epilepsie, Blindheit, eine Ahnung von Inzest. In seiner ersten Studie repressiver Familienstrukturen ist der „normale“ Bruder die am wenigsten einnehmende Figur.

Gli_occhi_la_boccaBellocchios Sympathie gilt denen, die Sand ins Getriebe der Gesellschaft werfen. Darin steckt auch eine Utopie. In „Der Sprung ins Leere“ hegt der Zuschauer zusehends weniger Zweifel an der Alltagstauglichkeit der gemütskranken Schwester, die von ihrem Bruder mit Fürsorglichkeit erstickt wird; am Ende wird nicht sie es sein, die aus dem Fenster stürzt. In diesem Meisterwerk von 1979 öffnet sich ­Bellocchios zugeneigter Blick zu einer Innenansicht des Bürgertums, das insgeheim erlöst werden will von seinen Privilegien und Lebenslügen. Wie mächtig deren Beharrungskräfte jedoch sind, führt Bellocchio in „Das Lächeln meiner Mutter“ vor, wo ein Maler mit der bevorstehenden Heiligsprechung seiner Mutter hadert, von welcher sich der Rest der Familie gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg erhofft.
Das sarkastische Bild der Kurie und der bürgerlichen Doppelmoral erregte 2002 den Zorn des Vatikans. Ohnehin ist Bellocchios Sündenregister lang. Seit seinem Debüt ist das Kino des entschiedenen Atheisten bevölkert von verwirrten, aber resoluten Blasphemisten. Systematisch hat er die gesellschaftlichen Institutionen einer sarkastischen Analyse unterzogen: die Schule in „Im Namen des Vaters“, den Machtmissbrauch der Presse und ihre verhängnisvolle Verflechtung mit der Industrie in „Knallt das Monster auf die Titel­­seite“ (1972). Sein gerade in Venedig aufgeführter Film „Bella addormentata“ behandelt das brisante Thema Sterbehilfe in all seinen politischen und ethischen Implikationen.

I_pugni_in_tascaHierzulande stand er stets im Schatten Bernardo Bertoluccis, mit dem ihn in der Tat vieles verbindet: Beide ­Regisseure stammen aus dem Norden, debütierten mit autobiographisch geprägten Filmen, die sich zum Befund der Gesellschaft ausweiten; beide haben eine marxistische Phase durchlebt, bevor die Psychoanalyse nachhaltige Spuren in ihrem Kino hinterließ. Sie teilen die Vorliebe für klaus­trophobische Erzählsituationen. Aber während Bertolucci sich zunehmend internationalen Groß­produktionen zu­­wandte, hat Bellocchio seine künstlerischen Wurzeln nie verraten. Er ist noch immer, das demonstriert fulminant sein vorletzter Film „Vincere“ (über die verleugnete erste Frau Benito Mussolinis), der sorgfältigste und wachsamste Melodramatiker im italienischen Gegenwartskino, und seit fast fünfzig Jahren einer der Giganten des Weltkinos.    
  

Text: Gerhard Midding
Fotos: Arsenal


Retrospektive Marco Bellocchio

Fr 5.10. bis Mi 31.10.,
im Arsenal.
Am Fr 5. und Sa 6.10. wird Bellocchio persönlich anwesend sein.

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